Keinen Koffer in Berlin

30. Mai 2001, 19:13
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Dirigent Fabio Luisi mit "Nabucco"- Premiere in Wien

Fabio Luisi leitet die Premiere von "Nabucco" an der Wiener Staatsoper am Donnerstag. Nachdem er in Berlin seinen Job als Musikchef der Deutschen Oper nicht antrat, wird er in Hinkunft in Wien mehr zugegen sein.


Wien - Mit Berlin noch eine Rechnung offen. Nein, so würde das Dirigent Fabio Luisi nie formulieren. Auch wenn man es ihm nicht verdenken könnte, hegte er zarte Revanchegefühle gegen die noch neue Hauptstadt - nach dem, was er im Rahmen seiner Fast-Tätigkeit als Generalmusikdirektor der Deutschen Oper erleben "durfte". Keine Rechnung offen, nein. Aber er könnte Berlin, wo er sich schon "Wohnungen angeschaut" hat, noch einiges in Rechnung stellen.

Verständlich. Für drei Jahre immerhin hatte er seinen Terminkalender mit Dirigaten in Berlin gefüllt, vieles abgesagt, sich festgelegt, mit Intendant Udo Zimmermann ein ambitioniertes Konzept erstellt und dann doch aufgegeben, als er gemerkt hat, dass man ihn unfein "beseitigen" und Christian Thielemann an seiner statt installieren wollte. Und also eine Chance zum Arbeitsantritt nicht gegeben war. Viele Faktoren hätte da mitgespielt, meint Luisi.

Die Aufgabe

"Thielemann hatte in Bayreuth Erfolge, dann hat er die Chefposition beim Philadelphia Orchestra nicht bekommen und bedauerte es wohl, den Job an der Deutschen Oper hingeschmissen zu haben. Dann sind politische und gesellschaftliche Kreise aktiv geworden, man hat versucht, mich einzuschüchtern, mich auch gefragt, ob ich mir einen anderen Job vorstellen kann. Jedenfalls wollte man mich loswerden."

Udo Zimmermann, der ihn geholt hatte, "war irgendwie auf meiner Seite, er hat sich aber nie eideutig positioniert, hat sich zu fragil gezeigt". Dann ging alles recht schnell und unfein. "Wien ist ja berühmt für seine Spielchen mit Leuten, hier macht man es aber professionell. Die Mittel sind nicht angenehm, aber man beherrscht sie. In Berlin ist alles provinziell und plump. Ohne Geschmack."

Wie auch immer. Es war unfein, und es könnte die Stadt etwas kosten. Um die 16 Millionen Schilling wurden kolportiert, das ist die Gagensumme für drei Jahre. "Ich werde mir überlegen zu klagen, wenn aus all dem ein finanzieller Schaden erwächst. Vielleicht werde ich nicht die Stadt Berlin, sondern die Deutsche Oper klagen. Das sehe ich am Ende der Saison. Ich habe etwa die Staatsopernpremiere Spartakus wegen Berlin abgelehnt."

Als alles vorbei war, erwies sich Ioan Holender aber als der schnellste Operndirektor. "Er rief als Erster an, bot mir gleich für 2003 die Falstaff-Premiere an. Auch Daniel Barenboim rief mich an, nannte das Ganze - wie übrigens auch die Berliner Presse - eine große Sauerei und lud mich ein. Ich werde also auch bei ihm an der Berliner Staatsoper dirigieren", sagt der ehemalige Chef der Niederösterreichischen Tonkünstler und weltweit geschätzte Spezialist für Verdis Opernkunst.

Seine Spezialitäten wird er ab heute auch in großer Menge brauchen. Nabucco, noch nie an der Staatsoper zu sehen, liegt in seinen Händen, was bedeutet, dass der schöne Chor vom fliegenden Gedanken "selbstverständlich nicht wiederholt" wird. Vor dem Wiederholungsgedanken graut es Luisi ebenso wie vor der gerade in diesem Augenblick erschallenden Klavier-version dieses Chores im Sacher, wo wir mit Luisi plaudern. Da lässt er sich gerne durch die Frage ablenken, was von der Regie zu erwarten sei: "Eine Familiengeschichte, ein Vater mit zwei problematischen Töchtern. Und Sachen, die etwas kontroversiell sind."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2001)

Von
Ljubisa Tosic

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