Streit-Thema Präimplantations- Diagnostik

30. Mai 2001, 15:14
posten

In Deutschland gerade heftigst diskutiert - in vielen Staaten aber längst erlaubt

Wien - Menschliche Embryonen werden in vielen Ländern bereits nach der in Österreich, Portugal, Schweiz und Deuschland verbotenen Präimplantationsdiagnostik (PID) auf genetische Defekte getestet. In Deutschland, wo die Diskussionen über Zulassung einer PID im Augenblick besonders heftig geführt werden, wurden bereits erste "PID- Touristen" ins europäische Ausland bekannt.

In Österreich ist die Problematik im Fortpflanzungsmedizingesetz (FMedG) geregelt, darin sind mehrere, eindeutige Verbote ausgesprochen. So heißt es, dass entwicklungsfähige Zellen "nicht für andere Zwecke als für medizinisch unterstützte Fortpflanzungen verwendet werden" dürfen. Das heißt, dass selbst einzelne, befruchtete Eizellen nur für die künstliche Befruchtung verwendet werden dürfen, weitere Untersuchungen, Forschungen oder gar Veränderungen sind nicht zulässig.

"Eingriffe in die Keimzellbahn sind unzulässig"

Gleiches gilt für Samen oder Eizellen, "die für medizinisch unterstützte Fortpflanzungen verwendet werden sollen". Weiters heißt es im Gesetz: "Eingriffe in die Keimzellbahn sind unzulässig". Damit sind Manipulation am Erbgut von Keimzellen - etwa das Einbringen von neuen Genen - untersagt.

Beispielsweise in Frankreich wurden nach Angaben des Universitätskrankenhauses Straßburg bereits sieben Kinder nach einer PID geboren. Erlaubt ist die die Prozedur in Frankreich nur, wenn bei den Eltern ein Gen für eine unheilbare Krankheit aus einer eng definierten Liste vorliegt. Im benachbarten Belgien wurden bereits 60 Kinder nach PID geboren. In Großbritannien lassen nach Angaben der Humane Genome Society jedes Jahr etwa zehn Paare eine PID durchführen. Der Athener Verband der Gynäkologen berichtete von vier Fällen im vergangenen Jahr in Griechenland.

Regelungen per Staat

Erlaubt ist die PID nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin in Europa außerdem noch in Dänemark, Norwegen, Schweden, Italien, Spanien und den Niederlanden. Auch die USA haben das Verfahren genehmigt, solange es mit privaten Mitteln durchgeführt wird. Öffentliche Gelder sind generell für die Arbeit mit Embryonen gesperrt.

Ein "PID-Tourismus" aus den Ländern, in denen das Verfahren verboten ist, wird durch den großen Aufwand des Verfahrens erschwert. Trotz der Kosten von mehr als 7.000 Mark (49.249 S) beginne jedoch Belgien verstärkt zum Ziel von PID-Reisenden zu werden, sagte der Arzt Stephane Viville von der Straßburger Uniklinik. Auch nach Straßburg kämen Paare aus Deutschland und der Schweiz wegen der PID. Die meisten hätten bereits mehrere medizinische Schwangerschaftsunterbrechungen wegen einer Erbkrankheit des Embryonen hinter sich. "Sie haben die Nase voll davon", sagte Viville.

Menschen nach Maß?

Für die Mutter ist die PID allerdings mit erheblichem Aufwand verbunden. Nach einer hormonellen Behandlung werden bei einer Operation Eizellen entnommen. Nach der künstlichen Befruchtung werden die ausgewählten Embryonen eingesetzt - was eine Fortsetzung der Hormontherapie nach sich zieht.

Schwer wiegen bei Kritikern die Bedenken vor dem "Menschen nach Maß". So wägen Ärzte in Indien, wo die PID noch keine Rolle spielt, die Chancen kritisch gegen einen Missbrauch zur Erzeugung männlicher Embryonen ab. "Es ist bekannt, dass PID für die Wahl des Geschlechts missbraucht werden kann. Das muss verhindert werden", forderte Sonia Malik, Gynäkologin in der Hauptstadt Delhi. "Dafür würde es Kunden geben", warnte auch Gauri Sen, eine bekannte Gynäkologin in Delhi.

Mädchen gelten in Indien als wirtschaftliche Belastung, weil bei ihrer Heirat Mitgift bezahlt werden muss. Weibliche Embryonen werden oft abgetrieben oder Babys getötet. Zurzeit liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern bereits bei 933 zu 1000. Die moderne Schwangerschaftsdiagnostik kann das Missverhältnis verschärfen.

Wo bleibt die neue Ethik?

Die derzeit in Österreich anlaufende Diskussion über Medizinethik, Diagnostik und mögliche Manipulationen an Embryonen ist längst überfällig und hätte jedenfalls teilweise schon vor 20 Jahren geführt werden können und sollen. Darin waren sich Experten aus Medizin und Theologie bei einer Diskussionsveranstaltung zum Thema "Gentechnik und Medizin" im Rahmen der Reihe "Zankapfel Gentechnik" der Universität für Bodenkultur Dienstag Abend in Wien einig.

Nach Ansicht von Johannes Huber, Gynäkologe am Wiener AKH, Theologe und nicht zuletzt Vorsitzender der neu eingerichteten Bioethik-Kommission, resultieren die aktuell diskutierten Fragen - wie: "Was kann die Wissenschaft? Was darf die Wissenschaft?" - eigentlich aus den vor rund 20 Jahren entstandenen Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung. Bei jedem dieser Eingriffe fallen aus methodischen Gründen einige - laut Huber bis zu sieben, acht - befruchtete und entwicklungsfähige Embryonen an, von denen lediglich einer eingepflanzt und ausgetragen wird. Der Rest muss laut Gesetz innerhalb eines Jahres vernichtet werden.

Novum

Für Markus Hengstschläfer, Genetiker am AKH Wien, ist es ein absolutes Novum in der Geschichte der Menschen, dass damit Zeugungen mit dem sicheren Wissen durchgeführt werden, dass jedenfalls ein Teil des gezeugten Lebens getötet wird. Andererseits ergeben sich durch die IVF natürlich für die Medizin ungeahnte, wenngleich nicht minder problematische Möglichkeiten, so Hengstschläger.

So könnte einem befruchteten Embryo im so genannten 8-Zellen-Stadium - wenn er aus exakt acht Zellen besteht - eine Zellen entnommen werden. Diese Zelle kann dann auf mögliche genetische Erkrankungen untersucht werden, die sieben restlichen Zellen entwickeln sich normal weiter, als wäre nichts gewesen. Würde in der untersuchten Zelle ein Gendefekt diagnostiziert, könnte der Embryo, der ja die gleiche genetische Information besitzt wie die entnommene Zelle, vernichtet werden.

Weichenstellung

Wird diese Methode der pränatalen Diagnostik aber erst einmal durchgeführt, so ergeben sich aber auch andere, problematische Auswahlverfahren, berichtete Hengstschläger. So mache die so genannte Assoziationsgenetik, bei der genetische Variationen etwa mit Charakterzügen oder Intelligenz in Verbindung gebracht werden, entscheidende Fortschritte. Einer Selektion der Embryonen - abseits der Krankheiten - wäre mit diesem Wissen in Zukunft Tür und Tor geöffnet. Auch sei der Begriff Krankheit neu definiert werden. Hengstschläger sprach sich dafür aus, in Richtung pränataler Diagnostik zu forschen, aber die Entscheidung, was dabei untersucht werden darf, möchte der Wissenschafter nicht alleine treffen.

Auch für Huber sind die Möglichkeiten der pränatalen Diagnostik und der pränatalen Manipulation "eine Büchse der Pandora". Entscheiden, was gemacht werden darf und was nicht, müsse letztendlich die Gesellschaft, so der Mediziner.

Für Universitäts-Seelsorger Helmuth Schüller ist die ganze Diskussion "ein wenig eigenartig". Einerseits würde die Fristenlösung praktiziert, andererseits mache man sich Sorgen um die Tötung von wesentlich jüngeren Embryonen, die möglicherweise nur aus wenigen Zellen bestehen. "Für mich sind das Diskussionen über Nuancen, die durch die Realität der Fristenlösung bereits überholt sind", so Schüller. Schüler forderte, dass sich Wissenschafter, "die in die Schöpfung eingreifen", auch ihrer Verantwortung gegenüber dieser Schöpfung stellen. Das Argument "Ich forsche ja nur" lässt der Uni-Seelsorger nicht gelten. Eine umfassende Diskussion sei dringend nötig, pflichtete der Theologe den Naturwissenschaftern bei. (APA/dpa)

Share if you care.