Warnstreik bei größter slowenischer Tageszeitung "Delo"

30. Mai 2001, 13:53
posten

Kampf um Gehaltserhöhung und Mitbestimmung

Journalisten der größten slowenischen Tageszeitung "Delo" haben am Dienstag mit überwältigender Mehrheit beschlossen, nächste Woche einen mehrstündigen Warnstreik durchzuführen. Die Journalisten wollen an einem Tag einige Stunden nicht schreiben und keine Pressekonferenzen besuchen. Abgedruckt werden nur Agenturmeldungen, Kommentare werden keine verfasst. Die Journalisten kämpfen um eine zehn-prozentige Gehaltserhöhung, die ihnen die Geschäftsführung auch nach monatelangen Verhandlungen nicht zugestehen wollte.

Belegschaft fürchtet Wechsel in der politischen Ausrichtung

Für besonders aktive und belastete Journalisten fordert die Gewerkschaft eine Gehaltsaufbesserung um 20 Prozent. Die Journalisten protestieren auch gegen die Forderung der Verlagsleitung, den verantwortlichen Leiter anders als bisher auch gegen den Willen der Belegschaft ernennen zu können. Es wird auch ein Wechsel in der politischen Ausrichtung des Blattes befürchtet.

"Delo" (zu deutsch: "Arbeit") wurde 1959 durch die Vereinigung der Zeitungen "Slovenski porocevalec" und "Ljudska pravica" gegründet, die in den Kriegsjahren Organe der antifaschistischen Befreiungsfront (OF) waren. Sie gilt als angesehenes Qualitätsblatt, das im Großformat erscheint, und hat mit im Schnitt 100.000 Stück die höchste Auflage aller Zeitungen in Slowenien. Die Zeitung unterhält ständige Korrespondenten in Washington, Moskau, Peking, London, Berlin, Brüssel, Rom, Wien, Belgrad und Zagreb sowie zahlreiche Mitarbeiter im Ausland. "Delo" erscheint in mehreren Lokalausgaben und hat neben Rubriken für Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Kultur und Sport auch tägliche Beilagen.

"Delo" mit Affinität zum linken Pol

Bis zum Ende des kommunistischen Regimes war "Delo" das Organ der Sozialistischen Allianz des arbeitenden Volkes (SZDL). Dabei handelte es sich um eine Dachorganisation halbstaatlicher Interessensorganisationen. Nach der Wende wurde die Zeitung samt Verlag und dazugehörender Großdruckerei zu einer Aktiengesellschaft umgewandelt. Alle Beschäftigten erhielten Aktien. Da die Aktien wegen guter Geschäftsergebnisse ihren Nennwert um das Zehn- bis Fünfzehnfache überstiegen, wurden sie in großer Zahl an Kapitalgesellschaften verkauft.

Diesen Investmentgesellschaften, die inzwischen 30 Prozent der Anteile an "Delo" besitzen, wurden Verbindungen zu konservativen politischen Kreisen nachgesagt. Es wurden Stimmen laut, die Konservativen wollten die einflussreichste slowenischen Zeitung, die sich als politisch unabhängig und liberal bezeichnet, für ihre politischen Ziele "umwandeln". Bisher ist "Delo" aber eher durch eine relative Affinität zum "linken" Pol, insbesondere der Liberaldemokratischen Partei von Ministerpräsident Janez Drnovsek, aufgefallen. (APA)

Share if you care.