Die "Depression Light"

30. Mai 2001, 13:34
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Dysthymie, eine potenzielle neue Vokskrankheit

Wien - Experten warnten vor der neuen Volkskrankheit Dysthymie, einer anhaltenden milden Depression. Laut den Medizinern leiden rund 240.000 Österreicher daran. Da der Begriff in der Medizin noch relativ neu ist und es noch keine Fülle an Studien und Daten der Krankheit gibt, gestalte sich eine Therapie schwierig, sagte Univ.-Prof. Dr. Gerhard Lenz von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien.

"Die Charakteristika von Dysthymie ist ein chronischer Verlauf von mehr als zwei Jahren mit andauernden oder andauernd wiederkehrenden depressiven Symptomen. Weiters sind die Symptome nur leicht, der Beginn der Krankheit ist schleichend und die Beschwerde freie Phase dauert nicht länger als zwei Monate", erklärte Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der klinischen Abteilung für allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH. Jedoch sei die soziale Eingliederung in der Gemeinschaft weitgehend erhalten.

Unterschied zur Depression

Der wesentliche Unterschied zu einer klassischen Depression sei, dass es nicht zu großen Schwankungen der Stimmung komme. "Es ist bemerkenswert, dass es aber trotzdem unter Dysthymie-Patienten eine hohe Selbstmordrate gibt", sagte Kasper. Besonders gefährlich sei, dass diese "leichte Depression" oft von den Ärzten nicht erkannt und deswegen unzureichend behandelt werde. "Daraus resultiert mit großer Wahrscheinlich eine enorme sowie ständig anwachsende Dunkelziffer an Betroffenen", meinte Univ.-Prof. Dr. Peter Hofmann von der Universitätsklinik für Psychiatrie in Graz.

Bis zum Ende der 80er-Jahre galt die Dysthymie als depressionsähnliche Verstimmung und nicht als Form der Depression im eigentlichen Sinne, sagte Hofmann. "Man verstand darunter Leute, die immer völlig fertig waren oder denen es ständig schlecht ging. Man glaubte sogar zum Teil, dass es sich dabei um individuelle natürliche Charaktereigenschaften handle."

Dauer

Mit dem Ende der Achtziger Jahre sei der Zugang zur Dysthymie deutlich differenzierter geworden, man habe begonnen, einzelne Episoden dieser depressiven Verstimmung abzugrenzen und zu identifizieren, so Hofmann. "Die Dauer der Erkrankung ist sehr ausgedehnt. Bei 96 Prozent ist sie länger als drei Jahre, nach fünf Jahren leiden noch immer 75 Prozent an ihrer Dysthymie und immerhin 42 Prozent länger als zehn Jahre."

Daher gestalte sich die Behandlung ebenso langwierig. Während bei der klassischen Depression nach zwei bis drei Wochen erste positive Wirkungen der medikamentösen Therapie nachvollziehbar seien, dauere es bis zu diesem Punkt in der Behandlung der Dysthymie oftmals drei bis vier Monate, sagte Hofmann. "Die Tendenz einer Dysthymie, zu einem chronischen und damit lebenslangen Leiden zu werden, ist sehr hoch", erklärte der Mediziner. "Keinesfalls kann man nach sechs Monaten die Tablettengabe einstellen. Die Mindesttherapiedauer beträgt zwei bis drei Jahre." (APA)

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