Mädchen, Pop und World Music

30. Mai 2001, 13:41
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Wiener Sängerknaben versprechen Öffnung, bleiben aber bei "Naturgesetzen"

Wien - Die Wiener Sängerknaben wollen nicht länger "ausschließlich ein kulturhistorisches Institut" sein, sondern sich "hin zu einer Elitebildungsanstalt" bewegen, sagte Präsident Eugen Jesser am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien.

Eine Repertoire-Erweiterung solle es geben: Mit "anspruchsvoller Popmusik" soll den Buben der Zugang zu klassischer Musik erleichtert und Freude an Musik vermittelt werden, so der künstlerische Leiter Gerald Wirth. Eine Plattenfirma sei schon an die Sängerknaben herangetreten, um eine Pop-CD aufzunehmen, der Arbeitstitel sei "Die Lieblingslieder der Wiener Sängerknaben". Der zweite Bereich soll "World Music" umfassen, mit internationaler spiritueller Musik. "Wir sehen es als Aufgabe, das den Kindern näher zu bringen". Derzeit arbeite man an Sufi-Liedern.

Trennung nach der Volksschule

Auch wird es ab nächstem Schuljahr in Zusammenarbeit mit anderen Schulen und dem Wiener Stadtschulrat die "Chorschule der Wiener Sängerknaben" unter der Patronanz von Edita Gruberova geben, die neben Knaben, die nicht im Internat leben, erstmals auch Mädchen von zehn bis 14 Jahren offen stehen wird.

Mädchen, die jetzt schon in der (seit längerem gemischten) Volksschule der Sängerknaben seien, würden automatisch in die Chorschule übernommen werden, für die anderen wird es ab kommender Woche Vorsingen geben. Die Ausbildung schlägt mit 70 Euro (963 S) pro Monat zu Buche.

Vom Kindergartenalter an wird es unter dem Titel "Spielwerkstatt Musik" ein- bis zweimal wöchentlich musikalische Früherziehung geben, ab dem Unterstufenalter geht es dann in die - nach Geschlechtern getrennte - Chorschule selbst, mit Chorproben und Einzelstimmausbildung.

"Naturgesetz" und "Frustrationen"

Er habe die Geschlechtertrennung befürwortet, denn es scheine "ein Naturgesetz" zu sein, dass Buben in dem Alter das Interesse verlieren, wenn sie gemeinsam mit Mädchen in einem Chor seien, argumentierte der künstlerische Leiter. Weil in dem Alter die Mädchen den Buben "weit voraus" seien, käme es auf Knaben-Seite zu "Frustrationen". Auch die Stimme verändere sich bei den Mädchen viel früher.

Es werde keine Auftritte der Mädchen als "Wiener Sängerknaben" geben, beschwichtigte Wirth, der aber andererseits beteuerte, dass die Patronanz Gruberovas zeigen solle, dass die Mädchen bei den Sängerknaben "in keinster Weise Menschen zweiter Klasse" seien.

"Nicht mehr zumutbar"

Neben der musikalischen Ausbildung soll die zukünftige "Elite" (Jesser) bei den Sängerknaben auch für das spätere Leben lernen: Verantwortung, die Honorierung von Leistung und keine Scheu vor Auftritten vor großem Publikum sollen den Kinder mitgegeben werden, meinte Jesser.

Auch bei den Kinderopern strebe man eine Repertoire-Änderung an, denn heutzutage könne man "Knaben nicht mehr zumuten, in Mädchenkostümen aufzutreten", so Wirth. Er fände es traurig, sollten in Zukunft die Sängerknaben "einmal wirklich nicht mehr in der Staatsoper" auftreten, es gebe aber schon Anfragen von anderen Opernhäusern (Chicago, Lissabon, Italien). Ein Projekt in Graz, bei dem Sängerknaben mitwirken, solle für diese logistisch schwierigen Unterfangen als Test dienen. (APA/dpa)

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