Große klare Linie, keine Verschleierung

30. Mai 2001, 12:02
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Planungsstadtrat Rudolf Schicker und Baudirektor Arnold Klotz zur architektonisch- städtebaulichen Zukunft Wiens

Klotz: "Wenn Schicker Bürgermeister gewesen wäre und ich sein Berater, hätten wir die Hundert- wasser Spittelau sicher nicht gemacht." Fotos: Heribert Corn

STANDARD: Sie sind seit knapp drei Wochen als Wiener Planungsstadtrat im Amt. Welche architektonischen und städtebaulichen Maßnahmen stehen dringend an?

Schicker: Wir haben einige größere Flächenwidmungen vorzubereiten, wo wir wenig Spielraum haben. Da gehört der Bereich der Messe dazu, hier ist der Zeitdruck sehr groß.

STANDARD: Was passiert dort gerade?

Schicker: Die Verträge mit dem Messebetreiber Reed zielen darauf ab, dass wir 2004 schlüsselfertig übergeben. Wenn man die Vorlaufzeiten von Ausschreibung und Flächenwidmung bedenkt, dann ist die Zeit beinahe abgelaufen. Spätestens im August müssen wir mit einem Widmungsentwurf hinaus. Bis dahin müssen die großen Linien klar sein, Verkehrserschließung, Parkflächen und dergleichen.

STANDARD: Wie weit ist Messeplanung, die direkt ohne Wettbewerb vergeben wurde, tatsächlich gediehen?

Schicker: Die sind mittendrinnen.

Klotz: Die Hallen wurden unter der Führung von Gustav Peichl geplant. Jetzt geht es um Parkgaragen und Stellplätze.

STANDARD: Die Hallen sind durchaus simpel ausgefallen, wofür hat man Gustav Peichls Rat eigentlich benötigt?

Klotz: Für die Gestaltung und die Organisation kann man schon einen guten Architekten brauchen, das war eine Auflage.

Schicker: So etwas kann eine Lagerhalle werden oder eine interessante Ausstellungshalle.

STANDARD: Ihr Vorgänger Bernhard Görg hat angekündigt, noch nicht vergebene Messeteile mittels Wettbewerbs verwerten zu wollen. Wie werden Sie das halten??

Schicker: Es ist der reine Messebereich, der mit Fritsch, Chiari und Peichl abgewickelt wird. Die restlichen Flächen werden einzelnen Wettbewerbsverfahren unterzogen.

Klotz: Alles was neu vergeben wird, soll über Wettbewerbe laufen. Da gibt es eine Menge neuer Nutzungen. Die Redimensionierung der Messe führt zum Thema Freizeit und Kultur in der südlichen, nun frei werdenden Zone des Geländes. Auch da muss man über Wettbewerbe zu Lösungen kommen, es gibt derzeit Vorschläge, Anfragen, aber nichts Konkretes.

STANDARD: Bleiben wir in dieser Gegend: Was wird sich auf dem Nordbahnhofgelände tun?

Schicker: Hier wird die Widmung für den nächsten, dahinter liegenden Abschnitt vorbereitet, mit Parkanlage, Wohnen, Schulen.

STANDARD: Maßgeblich bestimmt hier die Bundesbahn. Ab Juli stellt ein neuer ÖBB-General die Weichen: Orten Sie bereits Richtungsänderungen in Sachen Immobilien und Architektur?

Schicker: Das kann man noch nicht sagen.

Klotz: Angedacht war hier jedenfalls auch die neue Zentrale der ÖBB. Ob sich daran etwas ändern wird, dürfte man sehen.

STANDARD: Stichwort Bundesbahnen: Was tut sich eigentlich tatsächlich im Bereich Westbahnhof? Hier gab es wiederholt Studien, unter anderem von Holzbauer und Peichl, doch was wird konkret passieren?

Schicker: Die Bahnhofsoffensive ist wieder zurückgefahren worden. Übrig geblieben ist für Wien der Bahnhof Wien-Mitte, alles andere ist in die zweite Phase gerutscht. Zurzeit liegt die Realisierungschance irgendwann in der ferneren Zukunft.

STANDARD: Gar nicht absehbar?

Schicker: Unendlich. Die bestehenden Projekte sind teilweise mit der Stadt abgesprochen, etwa der Turm an der Ecke Felberstraße und die größere Bebauung vor dem bestehenden Areal.

Klotz: Teilweise gab es überdimensionierte Ansprüche seitens der ÖBB. Wir haben zu Draxler gesagt, er soll sich auf eine erste Stufe und nicht auf Utopien einlassen. Für die wären umfassende Infrastrukturmaßnahmen notwenig, doch wer zahlt die? Die Deutsche Bahn etwa zahlt ihre Infrastruktur, die sie für Nutzung und Entwicklung eines Standortes braucht, zur Gänze selbst.

STANDARD: Sie ist allerdings auch ziemlich defizitär unterwegs.

Schicker: Vielleicht deshalb, aber wie auch immer. Man könnte nun versuchen, mittels eines Wettbewerbs weiterzukommen. Doch dafür gibt es kein Geld. Diese Planungsoffensive müsste eigenfinanziert über die Verwertung der ÖBB-Grundstücke laufen. Dagegen ist nichts zu sagen, solange nicht der Knoten Wien infrage gestellt wird. Das ist das große Problem. Die ÖBB versuchen, den Westbahnhof mit dem Anschluss an das deutsche Netz massiv zu pushen und die Verbindung nach Mittel- und Osteuropa nur noch niederrangig zu führen. Da gibt es betriebsinterne Überlegungen, die absolut nicht im Interesse der Stadt sind. Wenn ich den ICE nur bis nach Wien ziehe, und dahinter fahre ich mit der schlechtesten Garnitur bis nach Budapest um 30 Minuten länger als bisher, dann ist das fast ein feindlicher Akt gegen die EU-Beitrittskandidaten.

Klotz: Unser Vorschlag wäre, zügig den Süd-Südostbahnhof in Angriff zu nehmen. Das ist natürlich eine langfristige Geschichte, ein Zehn-, Fünfzehn-Jahre-Programm.

STANDARD: Wir stehen aber eher im Jahr minus eins, der Südbahnhof verslumt vor sich hin.

Schicker: Auch für den normalen Bahnbetrieb ist der Südbahnhof nicht mehr wirklich tauglich, die Signalanlagen sind am Ende, es gibt noch andere Probleme. Er müsste also wirklich in die Hand genommen werden. Die Station Südtirolerplatz müsste komplett umgebaut und damit die Verknüpfung zwischen U- und S-Bahn verbessert werden. Ich denke, dass man mit den Immobilien, die auf dem Areal vorhanden sind, die Finanzierung auch schaffen kann. Die Gefahr ist nur, dass bei der Zerschlagung der ÖBB, die jetzt offenbar geplant ist, die Immobilien herausgenommen und extra verwertet werden. Damit wäre der Zug abgefahren, dann ist ein Bahnhof Wien nicht mehr realisierbar.

STANDARD: Wie weit ist man am Betriebsbahnhof Erdberg?

Schicker: Die Überplattung wird gerade gebaut, für die Hochbaumaßnahmen braucht es noch die Widmung. Die Architektur ist durchaus in Ordnung, doch angesichts der Dichte wird es ohne Verbesserung der Verkehrssituation dort nicht gehen, obwohl die U-Bahn genau darunter fährt. Das neue Gebäude von Günter Domenig für Max Mobil ist ebenfalls gewidmet. Neu-Erdberg wird ein ziemliches Architekturmuseum. Da entsteht einiges.

STANDARD: Zurzeit läuft ein Wettbewerb rund um Schönbrunn, dessen Ziel nicht ganz klar scheint. Sucht man im großen Stil nach einer Lösung für die schwer belasteten Fiat-Gründe?

Schicker: Die Fiat-Gründe sind natürlich ein Teil davon. Doch grundsätzlich sucht die Schönbrunn Gesellschaft nach ergänzenden Attraktionen. Die Überlegungen, das Parkareal im Bereich der Maria-Theresien-Kaserne, wo es nicht mehr als Park genutzt wird, zurückzugewinnen, ist eine spannende Idee. Die Stadt könnte mit einer Nutzungsänderung durchaus leben, allerdings nicht in Form einer neuen, kompakten Bebauung. Der frühere Park- und Waldcharakter des Fasangartens sollte zurückgewonnen werden. Wir werden sicher keine Höhenentwicklung zulassen. Der Wettbewerb, den wir rundherum veranstalten, soll Ideen bringen, wie das Umfeld eingebunden werden kann. Das hat natürlich etwas mit den Fiat-Gründen zu tun. Die Hochhaustendenz dort ist aber offensichtlich endgültig weg,

STANDARD: Warum?

Schicker: Wegen des Standorts, wegen der Bürgerproteste, wegen des kulturhistorischen Bestands.

STANDARD: Wie werden Sie künftig die so genannte Public-Private-Partnership handhaben? Darf weiterhin hoch hinausgebaut werden, wo das eigentlich gar nicht vorgesehen war?

Schicker: Die Hintergründe dieses speziellen Fiat-Areals belasten eine generelle Diskussion. Meine Vorstellung ist prinzipiell folgende: Wenn wir ein Areal haben, auf dem ein Investor beabsichtigt, eine Entwicklung zustande zu bringen, dann ist absehbar, dass er das mit Gewinnabsicht tut. Das Gebiet muss allerdings erstens an die infrastukturellen Gegebenheiten angebunden werden, und die Vorhaben müssen zur strukturellen Entwicklung des Gesamtareals passen. Nur: Wer finanziert das? Wenn die Stadt starkes Interesse an einer Entwicklung hat, werden die Anforderung an den Investor nicht besonders hoch sein. An Punkten, wo dieses Interesse aktuell nicht besteht, der Investor aber früher dran sein möchte und stadtstrukturell nichts dagegen spricht, wird er die entsprechenden Infrastrukturkosten mitzutragen haben. Das geht von der Straßenadaptierung und dem, dass man Grundstücke zur Verfügung stellt, bis hin zum Bau von Schulen.

STANDARD: Im Falle des geplanten Uniqua-Gebäudes am Donaukanal hat man den Investor nicht eben zur Kasse gebeten. Warum?

Schicker: Uniqua erstellt den Durchgang zum Donaukanal.

STANDARD: Die Kosten dafür sind im Verhältnis zum Gewinn durch die Widmung ein Lapperl.

Schicker: Ja. Das ist aber auch ein Standort, wo vonseiten der Stadt Interesse besteht, dass sich die Donaukanalzone weiterentwickelt.

STANDARD: Hätte man da nicht mehr verlangen müssen?

Schicker: Sind wir schon am Ende der Fahnenstange?

STANDARD: Sagen Sie es mir.

Schicker: Ich denke, dass man dort mithilfe der Uniqua noch das eine oder andere zustande bringen kann.

STANDARD: Was denn?

Schicker: Man kann noch nichts Konkretes sagen.

Klotz: Es gibt Visionen.

STANDARD: Apropos Visionen: Manche träumen von einem beschwimmbaren Donaukanal. Bestehen Chancen?

Schicker: Nur wenn man ihn abdichtet und mit Hochquellwasser füllt - also nein.

STANDARD: Sie haben angekündigt, die städtischen Einkaufsstraßen aktiv fördern, quasi gegen die Einkaufszentren der Peripherie verteidigen zu wollen. Wie legen Sie das an?

Schicker: Allein die Fahrbahn herzurichten, ein paar Bäume zu pflanzen und Bankerl aufzustellen ist zu wenig, wenn sich die Geschäftsgrößen zwischen nur 100 und 150 Quadratmetern bewegen und nicht rentabel zu führen sind. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man in der Widmung Möglichkeiten schafft, etwa Hofzonen und Obergeschoße als Geschäftsflächen mitzunutzen. Weiters bedarf es eines professionellen Managements, damit die Einkaufsstraßen dieselben Qualitäten anbieten wie Einkaufszentren, etwa die Sicherheit, dass zur selben Zeit alle Geschäfte offen haben. Das Beispiel Landstraßer Hauptstraße etwa ist für mich ein Horror. Ein Geschäft sperrt um zehn Uhr auf, das andere überhaupt nicht mehr, das dritte hat durchgehend offen. Ich glaube, dass man hier mit der Handelskammer eine Einigung erzielen könnte, wenn die Stadt mit Widmungen entgegenkommt.

STANDARD: Kommen wir zum Stichwort Architektur: Die Szene hungert danach, ihre Gesinnung kennen zu lernen. Was mögen Sie denn so an Architektur?

Schicker: Ist das wirklich wichtig?

STANDARD: Sicher, bei Ihren Vorgängern war's das immer.

Schicker: Aus der Konkurrenz und dem Wettbewerb entsteht etwas, bei dem ich mich nicht entscheiden muss, ob es mir gefällt. Prinzipiell bin ich aber eher für Geradlinigkeit, ich mag biedermeierlichen Schnickschnack nicht und lehne auch die Verschleierung der Inhalte eines Gebäudes ab. Mit anderen Worten: Ich anerkenne zwar die touristische Wirksamkeit der von Hundertwasser gestalteten Müllverbrennung Spittelau, trotzdem ist das eine Art der Verschleierung von Inhalten, die mir nicht behagt.

STANDARD: Beraterkreise und Kaminrunden um Planungsstadtrat und Bürgermeister haben Tradition. Werden auch Sie eine solche Runde pflegen?

Schicker: Ja. Ich bin kein Architekt, deshalb brauch' ich die Breite.

STANDARD: Wie werden Sie Ihre Berater auswählen?

Schicker: Demnächst wird es ein paar ungezwungene Termine mit Architekten geben. Eine Gruppe besteht aus arrivierten, die andere aus jungen Architekten.

STANDARD: Wo sind die in der Mitte? Die bleiben in der offiziellen Gunst derzeit scheinbar auf der Strecke?

Schicker: Zu mir hat man gesagt, die Jungen sind alle bis Mitte Fünfzig. Aber Scherz beiseite. Das Mittelalter werden wir eher zu den Arrivierten zählen. Mit den Top-Internationalen wird es wahrscheinlich Einzelgespräche geben.

STANDARD: Welchen Input erwarten Sie sich von diesen Architekturfachleuten?

Schicker: Ich erwarte spannende Überlegungen und Ideen für zukünftige Konzepte, die wir an städtebaulich neuralgischen Punkten verwirklichen können. Ich erwarte mir auch eine Klarheit dort, wo ich persönlich, als Raumplaner und als Sozialdemokrat, Schwierigkeiten mit allzu freizügigen Handhabungen der Bauordnungen habe.

STANDARD: Zum Beispiel wenn's allzu hoch hinausgeht?

Schicker: Das ist nur ein Punkt. Kritisch wird es überall, wo Wohnqualität und Architektur einander nicht treffen, sondern gegeneinander stehen. Ein weiterer Punkt, über den man intensiv reden muss, ist die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Bauingenieure haben gewöhnlich wenig Freude, wenn sie auf Architektenlösungen Rücksicht nehmen sollen, und bei Anrainern fühlen sich durch architektonische Gesamtkonzepte oft nicht verstanden. Da müssen wir eine Mischung finden, die der Stadt nicht den Ruf einträgt, sie vertreibe die Architekten, und die andererseits die Realisierungen von Platzneugestaltungen zügig vorantreibt.

STANDARD: Wann gibt es den neuen Stadtentwicklungsplan?

Schicker: Spätestens 2005. Sobald die Erweiterung der EU in Kraft tritt, sollten wir mit einem neuen Step gerüstet sein. Ich glaube nicht, dass Wien seine Gatewaysituation halten kann, wir müssen frühzeitig mit anderen Städten wie Prag und Bratislava in Kooperation treten.

STANDARD: Zurück zu ihrem eigenen Bereich: Derzeit sucht man einen neuen Kopf für die MA19, also eine architektonische Schlüsselposition der Stadt. Wann wird der/die MA19-ChefIn feststehen?

Schicker: Es gibt zum Glück 17 interne und externe Bewerber, eine schöne Mischung aus Frauen und Männern von innen und außen. Bei dieser großen Zahl wird es Hearings und ein sorgfältiges Auswahlverfahren geben. Bis zur Entscheidung wird es also noch ein Zeitl dauern.

STANDARD: Man munkelt, es gäbe drei heiße Favoriten, nämlich Leopold Dungl, Grete Cufer und Erich Raith?

Klotz: Wir werden mit großer Sorgfalt und Engagement eine Neupositionierung finden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 5. 2001)

Interview:
Ute Woltron

architektur@
derStandard.at
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