Aktie stürzt in den Keller

30. Mai 2001, 18:29
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Börse glaubt an Szenario der Insolvenz

Wien - Nun ist bei der Medienhandelskette Libro der Kampf ums Überleben definitiv ausgebrochen. Auch der Kapitalmarkt malt immer mehr das Szenario einer Insolvenz an die Wand: Mittwochvormittag stürzte die Libro-Aktie ins Bodenlose.

"Einige haben kalte Füße bekommen und gehen raus", sagten Händler an der Wiener Börse, wo die Medienhandelskette im ATX-Segment notiert ist. Mit dem Ergebnis: Im Verlauf des Vormittages schrammte die Aktie kurzfristig sogar knapp die Drei-Euro-Grenze. Was ein Minus von über zwölf Prozent bedeutete. Nach einer kurzzeitigen Erholung schloss das Papier mit einem Abschlag von 4,02 Prozent auf 3,34 Euro (93.464 gehandelte Stück in Einfachzählung).

Insolvenzszenario

Der Analyst der Erste Bank, Günther Artner, sagte: "Der Markt hat das Insolvenzszenario als möglich anerkannt. Darauf deutet auch der Managementaustausch hin." Am Dienstag wurde der neue Sanierungsmanager, Otto Arbeiter, präsentiert. Nun soll Gerüchten zufolge Amadeus-Chef Klaus Karnutsch gehen und Michael Höferer ihn ablösen. Alles wartet auch noch auf einen Partner, der das sinkende Schiff retten soll. Libro hat laut Kreditschutzverband KSV drei bis 3,5 Mrd. S. Schulden. Die Firma braucht in den nächsten Tagen dringend 300 Mio. S, um die Gehälter der 3100 Mitarbeiter zahlen zu können. Die Mai- und Juni-Gehälter seien gesichert, heißt es bei Libro.

Interessenten

Wie berichtet, hat der Anton Stahrlinger, Chef des Welser Büroartikelhändlers PBS, Interesse bekundet, ebenso die Wiener Investorengruppe VCH mit BWT-Vorstand Karl Michael Millauer, der auch im Libro-Aufsichtsrat sitzt.

"Keine Glücksritter"

Der Präsident des Interessenverbandes der Kleinanleger (IVA), Wilhelm Rasinger, sagt: "Man braucht keine Glücksritter. Millauer hätte seine Aufsichtsratspflichten wahrnehmen sollen." Rasinger sieht Vorstand und Aufsichtsrat für die Libro-Misere verantwortlich. Noch sei es verfrüht, über ein mögliches schuldhaftes Verhalten zu reden. Das würde einen Haftungsprozess rechtfertigen. Momentan könnten keine Forderungen gestellt werden. Die Aktionäre hätten schon über 90 Prozent ihrer Gelder verloren.

Falsche Hoffnungen

"Libro ist mit null Eigenkapital an die Börse gekommen. Mit hohem Werbedruck hat man die Internetfantasie geschürt und viele Unbedarfte veranlasst einzusteigen. Das ist eine klare moralische Verantwortung."

Nicht betroffen von den Turbulenzen wähnt man sich bei der Internetcompany Lion.cc, an der Libro mit 65 Prozent und der deutsche Medienriese WAZ mit 35 Prozent beteiligt sind. "Wir sind aus_finanziert und setzen unsere Umstrukturierung fort", sagt Heinz Lederer, Vorstandschef von Lion.cc. Man wolle sich weiterhin Kosten senken und sich auf das Kerngeschäft, wie dem Online-Vertrieb von CDs, DVDs und Bücher via Internet, konzentrieren. (este/jake/DER STANDARD, Printausgabe 31.5.2001)

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