Volkszählung: Wos fiar a Schbrooch? What Language?

29. Mai 2001, 20:18
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Bekenntnisse eines Volksgezählten

Beim Ausfüllen des "Personenblatts", das mir die Volkszählerin übergibt, stellt sich unter Punkt 6, "Umgangssprache", die Frage: Wel- che Sprache soll ich angeben? Zur Wahl stehen "Deutsch", "Burgenland-Kroatisch", "Ro- manes", "Tschechisch", "Slowakisch", "Ungarisch", "Slowenisch", "Kroatisch", "Serbisch", "Türkisch" und "andere Umgangssprachen".

Die Volkszählerin sagt, als geborener Wiener mit Deutsch sprechenden Eltern soll ich "Deutsch" ankreuzen. Ich erwidere: "Mai Muatal woa a Weanarin". Sie sagt: "Aber Weanarisch ist keine anerkannte Sprache."

"Schbrooch

Keine anerkannte Sprache? Wieso? Von wem nicht anerkannt? Artmann, Jandl, Rühm - einige der größten Dichter dieses Landes - haben das Weanarische als eigenständige "Schbrooch" in die Literatur eingeführt; einige Tageszeitungen bringen regelmäßig weanarische Kommentare; und ballestrische Sprachschöpfer wie Happel, Krankl und Prohaska haben jahrzehntelang erfolgreich den von der Schriftsprache abweichenden akkusativisch gebrauchten weanarischen Oral-Dativ propagiert . . .

Die Volkszählerin sagt: "In Ihrem Fall ist das ganz eindeutig, Sie sprechen Deutsch, und Sie haben einen deutschen Namen." Ich sage: "Mein Großvater war ein bissl feig und hat nach dem ersten Weltkrieg seinen jüdisch klingenden Namen in einen deutsch klingenden ändern lassen. Auch seine Frau, die eine Slowenin war, musste sich anpassen. Alles ist irgendwie eingedeutscht worden. Das ist eine alte Geschichte. Die wollen wir doch heute nicht fortsetzen, oder?"

"Wienerisch"

Die Volkszählerin lächelt und sagt: "Na, dann kreuzen Sie halt keine der vorgegebenen Sprachen an. Sie können das Kästchen ,andere Umgangssprachen' verwenden und da ,Wienerisch' hineinschreiben."

Es hat mich schon in der Pflichtschulzeit gestört, dass man den Sprachunterricht "Deutschunterricht" genannt hat. Es hat mich in der Universitätszeit dann wieder gestört, dass das Literaturstudium "Germanistik" geheißen hat. Und es stört mich bis heute, dass ich bei jedem sich bietenden Formular "Deutsch" als meine Muttersprache angeben soll. "Deutsch" - genauer: "Hochdeutsch" - ist im besten Fall die Verkehrs-, Amts-und Kunstsprache, die ich - vor allem im Schriftverkehr - verwenden muss, weil das hier - in dieser Region - halt so üblich ist. "Deutsch": Das ist so wie "Englisch", nur dass ich Letzteres nicht regional, sondern global verwende - ein nicht muttersprachlicher Code, der der translokalen Selbstdarstellung und Kommunikation dient.

"Englisch"

Andererseits ist "Englisch" aber auch die Sprache, die ich verwende, wenn ich mit Audio, Video, Computer und Internet zu tun habe oder zur Gitarre greife und versuche, etwas zu singen; also auch eine Art "Umgangssprache". Aber "Englisch" kommt als Standardkreuzerl im Formular der Volkszählerin gar nicht vor.

Warum nicht? Immerhin haben wir eine nicht unerhebliche Anzahl von einheimischen Angehörigen von Mitarbeitern internationaler Organisationen und - in Wien - 16 Pflichtschulen, an denen "Englisch" auch "Unterrichtssprache" ist.

Ist es nicht so, dass sich - spätestens mit dem Erscheinen des Internets - das Verhältnis Lokal-, Regional-, Globalsprache ebenso verschoben hat wie das Verhältnis Muttersprache, Verkehrssprache, Arbeitssprache? Und ist es nicht so, dass sich Schrift- und Sprechsprache immer weiter voneinander entfernen? Welche Sprache spricht die Volkszählung? Und welcher "Umgang" wird gezählt?

???!!

Natürlich ist es schön - und ein Fortschritt -, dass das Volkszählungsformular neben der Mehrheitssprache auch einige Minderheitensprachen als wähl- und zählbare Standard-Umgangssprachen anbietet. Es ist auch schön - und ein weiterer Fortschritt -, dass mit dem Hinweis "auch mehrere Sprachen" an mehrsprachige Konstellationen gedacht wurde. Aber wie immer ich es auch drehe und wende: Die wahrheitsgemäße Auskunft "Wienerisch (lokale Muttersprache) - Hochdeutsch (regionale Verkehrssprache) - Englisch (globale Arbeitssprache)" geht sich in diesem Formular nicht aus. Wahrscheinlich gehöre ich zum nicht zählbaren Volk der mehrsprachigen Schweiger. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 30. 5. 2001)

Christian Ide Hintze ist Schriftsteller und Leiter der Schule für Dichtung in Wien.
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