Tom Daschle, kommender Mehrheitsführer im US-Senat

30. Mai 2001, 17:02
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"Präriepopulist", dem die Gegner Rosen streuen: Tom Daschle

Alljährlich setzt sich Tom Daschle (das e wird übrigens nicht ausgesprochen) in sein Auto und fährt kreuz und quer durch seinen Heimatstaat South Dakota - ohne fixes Programm und vor allem ohne Berater. Und er macht es sich zur Aufgabe, jeden der 66 Bezirke des Staates zu besuchen - und findet auf diese Weise heraus, was den Wählern, die ihn bei seinen beiden Wiederwahlen 1992 und 1998 mit überwältigender Mehrheit in den Senat entsandten, auf dem Herzen liegt.

Unter Demokraten gilt der 53-jährige - oft als "Präriepopulist" bezeichnete - Daschle als "unwahrscheinlich guter Zuhörer", was einen Großteil seines anhaltenden Erfolges ausmacht: Denn der Mann, der in absehbarer Zeit als Mehrheitsführer im Senat eine der mächtigsten politischen Rollen in den Vereinigten Staaten einnehmen wird, hat es nicht nur geschafft, die Demokraten nach dem Debakel der verlorenen Wahlen des Jahres 1994 wieder zu vereinen, sondern es wird auch angenommen, dass selbst die aufmüpfigsten Konservativen unter den Demokraten wie Zell Miller oder James Breaux der Partei auch in Zukunft treu bleiben werden.

Und schon länger hatte Daschle hinter den Kulissen gearbeitet, um den liberalen Republikaner Jim Jeffords zum Austritt aus der Republikanischen Partei zu bewegen: Es gelang, ein Machtwechsel im Senat ohne Wahlen war die Folge.

"Daschle war bisher viel wirkungsvoller, als jedermann angenommen hat", meint der gemäßigte Republikaner John McCain. "Er ist ein freundlicher, ruhiger Mensch mit einem Rückgrat aus Stahl; hart, wenn er hart sein muss, und er hat ein sehr angenehmes Äußeres - wahrscheinlich die ideale Kombination für einen Mehrheitsführer."

Auch der konservative Herausgeber des Weekly Standard, Bill Kristol, findet positive Worte: "Er hat die Liberalen bei der Stange gehalten, ohne die gesamte Partei nach links zu verschieben. Er kommt im Fernsehen gut an. Und wirkt wie ein Amerikaner der Mitte mit Hausverstand." Das Lob der rechts stehenden Republikaner hält sich jedoch in Grenzen: "Gesetze aufhalten ist eine Sache, aber den Senat leiten eine andere", meint etwa der Kongressabgeordnete Tom DeLay.

Tom Daschle, verheiratet, drei Kinder, wurde am 9. Dezember 1947 in Aberdeen, South Dakota, als ältester Sohn einer Arbeiterfamilie geboren, er war der Erste in seiner Familie, der ein Studium (Politikwissenschaften) absolvieren konnte. Nach drei Jahren bei der Luftwaffe stieg er in die Politik ein, wurde 1978 zunächst in das amerikanische Repräsentantenhaus gewählt und 1986 zum ersten Mal in den Senat. Mithilfe seines Mentors und Vorgängers George Mitchell wurde er dann Ende 1994 zum Fraktionsführer der demokratischen Minderheit im Senat gewählt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 30.5.2001)

Von Susi Schneider
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