Schwanengesänge des zarten Grolls

29. Mai 2001, 21:55
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Wiener Liederabende mit Bariton Thomas Hampson und Tenor Michael Schade

Endlich. Einmal wurde ein Besitzer eines piepsenden Handys geoutet, das in die wonniglichen Gefilde der Beethovenschen Fernen Geliebten hineinnervte - saß der doch bei Thomas Hampson Liederabend in der ersten Reihe der Podiumsplätze. Eher peinlich. Zumal im Konzerthaus neuerdings diese überlebensgroßen Pictogramm-Papptafeln aufstellt sind.

Die ganze Aufregung hat den Künstler nur zu einer leichten Aktivierung der Augenbrauen veranlasst. Hampsons Sendungsbewusstsein konnte kein Schnickschnack trüben; weit entfernt davon, sonnte sich der Bariton dem Gesichtsausdruck nach in keuschem Minneglück. Nach Beethovens Zyklus kamen dann - weniger schwerblütig und launisch - Schuberts Heine-Lieder aus dem zweiten Buch des Schwanengesangs zu Gehör.

Hampson sang Das Fischermädchen oder Der Doppelgänger mit philosophischem Tiefgang, wobei Wolfram Rieger ein sensibler Partner war. In besonders konsonantbetonten Passagen, etwa bei der Phrase "du stolzes Herz" aus Der Atlas, schien die Meisterin des artifiziellen Kunstgesangs, Elisabeth Schwarzkopf, um die Ecke zu lugen. Nicht nur die Konsonanten waren wichtig, in Schumanns Dichterliebe sangen auch die Vokale. Diesen Liedzyklus hob er selbst ans Licht der Öffentlichkeit - indem er dessen Urfassung, die um vier auf 20 Lieder angewachsene Version, darbot. Mühelos kann er Register wechseln, Läufe kolorieren, große Bögen phrasieren, Pianissimi intonieren und energisch attackieren. Wobei er kein Mann der Miniaturen ist.

Selbst wenn seine Pianokultur erstaunlich stabil ist, braucht er das Pathos, die Rache, den Groll, eben: das Theater. Ganz anders der Liederabend von Tenor Michael Schade. Ihm fehlt, obwohl derzeit als Tamino weltweit im Geschäft, auf dem Podium kein Requisit oder Riesenorchester. Er besteht die Stunde der Wahrheit, die ein Liederabend für Opernsänger darstellt, erstaunlich gut.

Sein Markenzeichen, so hat er sich das ausgedacht, ist der sofortige Beginn nach jedem forschen Auftritt, noch in den Begrüßungsapplaus hinein. Der volle Brahms-Saal des Musikvereins jedenfalls hing nicht nur gebannt an jeder kunstvoll gestalteten Phrase der Miniaturen von Beethoven, Schubert, Liszt, Ravel, Fauré und Richard Strauss. Er spendete sogar zwischendurch Bravi. Wenngleich krasse Tragik nicht wirklich Schades Spezialität ist, gelingen ihm gerade die schalkhaften, stürmischen Piecen (zusammen mit Pianist Malcolm Martineau) eher unvergleichlich. Die sich in der Technik und in dunklen Vokalen an Peter Schreier anlehnende Stimme glänzt. Ohne Schlacken. Ohne störende Registerübergänge. ( B. Hennenberg )
(DER STANDARD, 30.5.2001)

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