Wie man ein Budget und sich selbst verkauft

29. Mai 2001, 19:13
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Karl-Heinz Grasser als perfekter Infotainer

Wien - "Der Wechsel in der Finanzpolitik war die am besten gelöste Kommunikationsaufgabe dieser Regierung." Vor Selbstbewusstsein strotzend referierte Finanzminister Karl-Heinz Grasser am Montagabend im vollen Festsaal der Industriellenvereinigung über seine Marketingstrategien. "Wie verkauft man ein Budget", hatte Grasser kokett als Untertitel seines Vortrages gewählt, zu den ihn der Marketing Club Österreich eingeladen hatte.

Grasser nennt als eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten zwischen Produkt- und Politikmarketing den "richtigen Infotainmentmix" und zeigt fast zwei Stunden lang, wie's funktioniert. Vor einer hochkarätigen Runde von Managern und Marketingexperten wird er seinem Ruf gerecht, der beste Verkäufer dieser Regierung und eines der größten rhetorischen Talente des Landes zu sein.

"Wie hoch waren im Vorjahr die Investitionen aller Unternehmen?", fragt er ins Publikum und als er nicht gleich eine Antwort bekommt, beharrt er auf dieser mit der lächelnd ausgesprochenen Drohung, ansonsten sein Referat abzubrechen. Sekunden später werden Antworten zugerufen.

Jovialie Gratulation

Eine ist ganz nahe an seiner Zahl von 667 Milliarden ("das ist Rekord"), jovial gratuliert Grasser dem Wissenden. "Qualität und Image als Erfolgsfaktoren" und "Kundennähe bringt Vertrauen und Imagebonus" nennt Grasser als weitere Kriterien für (s)ein erfolgreiches Marketing, die perfekte Inszenierung braucht er nicht zu nennen, die führt er vor. Dazu zählt ein Hightech-Equipment, das ihn vom Mikrofon des Rednerpultes unabhängig macht und von Grasser weidlich für ein bewegtes Referat (Stichwort Kundennähe) genützt wird. "Ich zahle gerne Steuern - zumindest seit eineinhalb Jahren." Das Publikum lacht und glaubt ihm trotzdem.

Bei den zum Teil auch harten Publikumsfragen beweist Grasser Sattelfestigkeit in den Budgetdetails und eine Bereitschaft, offen heikle Themen anzusprechen - Unfallrenten, Stiftungsbesteuerung oder das zukünftige Pensionsalter. Von FP-Rhetorik ist dabei wenig zu spüren. Kanzler Wolfgang Schüssel bezeichnet er als idealen Partner, auf die Frage nach den Imageproblemen der Regierung verweist er kryptisch auf die "schwächsten Glieder" im Kabinett.

"Es macht mir großen Spaß, Finanzminister zu sein." Auch das nimmt ihm jeder im Saal ab. Und sollte es einmal in der Politik nicht mehr klappen, für eine TV-Talkshow reicht sein Talent allemal. (hs/ef/DER STANDARD, Printausgabe 30.5.2001)

Reportage
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