"Alles aus mit 50?"

29. Mai 2001, 17:58
2 Postings

Die STANDARD- Montagsdiskussion beschäftigte sich mit dem Pensionsantrittsalter

Wien - Schwül ist es an diesem Montagabend im "Haus der Musik" in der Wiener Innenstadt. Aber nicht nur die Wetterlage, auch das Thema der Montagsgespräche erhitzt die Gemüter von Diskutanten und Publikum. Die Frage des Pensionsantritts bewegt die Menschen sichtlich. Wie sieht die Situation von Menschen um die 50 aus? Können, sollen, dürfen oder müssen sie am Arbeitsmarkt bleiben und ihre Kapazitäten bis zum gesetzlichen Pensionsalter zur Verfügung stellen?

Christine Bauer-Jelinek, die als Wirtschaftscoach arbeitet, der ehemalige ÖVP-Vizebürgermeister Bernhard Görg, Wirtschaftstrainer Max Koch, der Soziologe Bernd Marin und Georg Ziniel von der Arbeiterkammer vertreten unter der Leitung von Michael Fleischhacker, Chef vom Dienst des Standard, ihre Ansichten.

Weinende Manager

Dass ältere Arbeitslose ein Problem haben, zurück in einen Job zu kommen, geben alle Diskutanten zu. Für Max Koch wollen diese Menschen arbeiten, können wegen der Altersbarriere aber nicht. Auch Bernhard Görg, vor seiner Politkarriere als Personalberater tätig, berichtet von weinenden Managern, die ihn um einen Job angefleht haben. Für ihn liegt das Grundübel im "Jugendwahn" in den Unternehmen und der ganzen Gesellschaft.

Einen "grundlegenden Bruch" in den Betrieben konstatiert auch Georg Ziniel von der AK. Bis Mitte der 80er-Jahre wurden ältere Mitarbeiter nicht gekündigt, sondern auf andere Posten gesetzt. Heute sei dies dagegen die Ausnahme, die Regel bedeutet Kündigung. Rund 200.000 Menschen hätten heute ab 50 eine von unfreiwilligen Unterbrechungen geprägte Arbeitskarriere vor sich.

Dass der Arbeitsmarkt von einem "faschistoiden Jugendwahn" geprägt ist, sieht auch Bernd Marin. Dennoch müsse klar gestellt werden, dass es 50-Jährigen noch nie so gut ging wie heute. Neben den Fortschritten in der Gesundheit ist auch das Einkommen in dieser Altersgruppe am höchsten. Die Jobsicherheit sei ebenfalls höher, ist Marin überzeugt: Als Älterer verliert man seinen Job wesentlich weniger leicht als Junge - wenn der Fall jedoch eintritt, ist die Lage hoffnungslos.

Problematisch sei aber, dass 97 Prozent der Bevölkerung auf Kosten der Allgemeinheit vorzeitig in Pension gehen. Daher sei die Forderung des Bundeskanzlers, bis 65 zu arbeiten, wichtig. Denn der Arbeitsmarkt werde sich in den kommenden Jahren entspannen, ältere Arbeitnehmer werden wieder unterkommen.

Eine Ansicht, die nicht allgemein geteilt wird. Für Max Koch stellt sich die Frage, wer denn etwa die Kosten von Umschulung oder Weiterbildung von älteren Arbeitslosen tragen solle. Bernhard Görg will ebenfalls nicht daran glauben, dass sich mit dem Arbeitskräftemangel die Probleme der Älteren lösen lassen. Dass man ale Defizite durch Umschulung lösen könne, will der Politiker nicht glauben.

Auch Wirtschaftscoach Bauer-Jelinek bezweifelt, dass sich alle älteren Arbeitssuchenden auf dem Markt unterbringen lassen. Nötig seien neue Modelle des Zusammenlebens von Alten und Jungen ebenso wie Arbeitszeitmodelle.

Damit kann Marin leben. Als Beispiel für Umschulungen führt er Amsterdam an, wo Schwerarbeitern von der Kommune die Weiterbildung bezahlt wird. Großflächige Maßnahmen dieser Art seien immer noch billiger, als massenhaft Menschen in die Frühpension zu schicken.

"Recht auf Faulheit"

Wahr sei aber auch, dass die Leute in Deutschland und Österreich vielfach nicht mehr arbeiten wollen. Dies sei legitim, die "Präferenz für Freizeit", oder, wie es Deutschlands Bundeskanzler Gerhard Schröder ausgedrückt hat, das "Recht auf Faulheit" dürfe aber nicht auf Kosten der Allgemeinheit gehen.

Die Entscheidung liege daher zwischen einer zwangsweisen Hinaufsetzung des Pensionsalters um zweieinhalb Jahre und einem Abschlag bei den Pensionszahlungen. Im letzteren Fall könne man dann freiwillig entscheiden, wann man aus dem Berufsleben ausscheidet. Ein Punkt, dem auch Görg zustimmt.

Das Publikum bohrt nach: Es gebe noch keine Lösung, wie man den Jugendwahn brechen könne. Auch die Aussage, die Vollbeschäftigung würde die Arbeitslosigkeit bei älteren Menschen beseitigen, wird angezweifelt. Fragen, die an diesem schwülen Abend nicht mehr beantwortet werden können. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. Mai 2001)

Bundeskanzler Wolfgang Schüssel wünscht sich als "Regelprinzip" einen Pensionsantritt mit 65. Gleichzeitig haben es ältere Arbeitslose immer schwerer, wieder auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen. Die Frage "Alles aus mit 50?" diskutierten Experten beim Montagsgespräch von STANDARD und Radio Wien.
Share if you care.