"Die Menschen suchen nach Identität!"

29. Mai 2001, 18:05
posten

Hans-Hubert Vogts im STANDARD-Interview über Werte und Wende, Profis und Erfolg

Hans-Hubert Vogts (55), den sie "Berti" nennen, spielte von 1965 bis 1979 bei Mönchengladbach, holte fünf Meistertitel, zwei UEFA-Cup- Pokale, wurde mit dem deutschen Team, dessen Kapitän er ab April 1977 war, 1974 Weltmeister und 1976 Vize- Europameister. In Córdoba 1978 steuerte er zum 2:3 der Deutschen gegen Österreichs Fußball-Nationalmannschaft ein Eigentor bei. Das deutsche Team führte er 1992 zum Vize- EM-Titel und vier Jahre später zum EM-Titel. Nach der WM 1998 in Frankreich trat Vogts nicht zuletzt wegen heftiger Kritik an seiner Person, bei der sich die Bild-Zeitung, der Franz Beckenbauer als "Kolumnist" dient, besonders hervortat, zurück.

Standard: Herr Vogts, war es früher schöner, Fußball zu spielen?

Vogts: Es war friedlicher, wir haben viel Spaß gehabt, die Medien waren nicht überall dabei, es war viel unbeschwerter als heute. Andererseits haben wir uns mit Kritik viel ernsthafter auseinander gesetzt. Die Spieler heute gehen leider sehr leichtfertig mit Kritik um.

Standard: Ist der Fußball besser als zu ihrer Zeit als Spieler?

Vogts: Das kann man nicht sagen, er ist heute anders, die Taktik spielt eine überragende Rolle. Das führt Bayern München beispielhaft vor.

Standard: Ivica Osim, der Trainer von Sturm Graz, hat behauptet, ein Sieg der Bayern bringe den europäischen Fußball und damit den Weltfußball nicht weiter.

Vogts: Die Jugoslawen haben eine andere Vorstellung vom Fußball als die Deutschen, sie wollen gewinnen, wir wollen nicht verlieren. Ich kenne Osim und achte ihn sehr, er hat 1967 mit dem jugoslawischen Team gegen uns gespielt. Aber die Bayern haben sich vorgenommen, die Champions League zu gewinnen, und diesem Ziel haben sie alles untergeordnet, das können sie, das kann Real nicht, das kann nicht einmal Manchester United. Ich freue mich darüber und gratuliere ihnen, und da sind wir wieder beim Druck. Als sie in Lyon verloren haben, sind sie als die Deppen der Nation hingestellt worden, heute sind sie die Größten.

Standard: Kann man das lernen, mit der Hysterie umzugehen?

Vogts: Das muss man, in Deutschland gibt es ja nicht nur den normalen Journalismus, da gibt es auch den Boulevard-Journalismus. Aber das gehört zum Geschäft, ich habe nach meinem Abschied aus Leverkusen auch viele Briefe bekommen, in denen man mir Glück gewünscht haben. Der Fußball und die Berichterstattung über ihn stehen nicht außerhalb der Gesellschaft, das ist nur ein Zeichen für den Werteverfall. Ich beobachte das an meinem Sohn selber, der ist 14 Jahre alt, der wächst ganz anders auf als wir früher.

Standard: Sie geben nicht den Medien die Schuld an ihrem Rauswurf in Leverkusen?

Vogts: Aber nein, wir haben einfach zu viele Heimspiele verloren und sind unter Druck geraten. Das Geschäft ist heute eben so, den unbeschwerten Fußball gibt es nicht mehr, alles ändert sich, ich unterscheide zwischen Profis und Erfolgsfußballern, die einen spielen aus Leidenschaft, für die anderen sind die Begleitumstände, Geld, Ruhm, und wie das alles heißt, im Zentrum. Deswegen will ich ja einen runden Tisch haben, an dem auch die Medien Platz finden sollten, damit wir den Fußball auch 2050 noch als die schöne Sportart haben, die wir kennen. Wenn es heute heißt, die Spieler hätten zu viel Macht, dann antworte ich: alle Macht den Spielern, die Leistung bringen.

Standard: Das große Geld im Fußball-Business scheint aber doch einige Branchengesetze nicht außer Kraft setzen zu können, wie man auch in Österreich bei der Austria beobachten kann: Erfolg ist ein Kind der Geduld, oder?

Vogts: Richtig, schauen sie sich Schalke oder Bayern an, oder Manchester und Real. Das hängt freilich sehr von den handelnden Personen ab.

Standard: Gewinnen die Manager der Spieler nicht zu viel Macht und Einfluss?

Vogts: Ich nenne diese Leute Spieler-Agenten, auch hier hängt alles davon ab, wer bei einem Verein die Entscheidungen trifft. Ein Uli Hoeneß lässt sich von einem Spieler- Agenten sicher nicht an der Nase herumführen.

Standard: In Österreich fürchtet man, dass die vielen ausländischen Spieler den österreichischen Talenten den Platz verstellen. Cottbus hat auch schon mit elf Nichtdeutschen gekickt, fürchten Sie um den deutschen Nachwuchs?

Vogts: Ich glaube, dass Hauptproblem der Nachwuchsfußballer ist ein Wetbewerbsdefizit, wir müssen ihnen zwischen 18 und 24 Jahren Wettkampfpraxis bieten, das haben wir bei Leverkusen mit einem Future-Team gemacht, das jede Woche einen internationalen Gegner hatte. Und bei den Knaben boomt der Fußball, geschickte, engagierte Jugendleiter sind wichtiger denn je, denn heute kann man nicht mehr davon ausgehen, dass die Kinder alles selber machen.

Standard: Woran kann ein Fan sein Herz hängen, wenn der eigene Nachwuchs keine Chance in der Kampfmannschaft hat und stattdessen elf Globetrotter einlaufen?

Vogts: Ich spüre, dass die Leute nach Identität suchen, das wurde mit der EU nicht schwächer, sondern stärker. Auch unter den Fußballern übrigens, die fünf Kroaten bei Leverkusen haben sich auf ihre Länderspiele sehr gefreut. Und wenn ich die Champions League mit der EM in Belgien vergleiche, muss ich sagen, dass in Belgien schöne, erfrischende Spiele zu sehen waren, im Europacup war alles sehr nüchtern und erfolgsorientiert. Aber es waren jeweils die gleichen Spieler am Werk. Deswegen bin ich überzeugt, dass die Bedeutung der Nationalmannschaften noch zunehmen wird.

(DER STANDARD, PRINTAUSGABE 30.5. 2001)

Von Johann Skocek und Poldi Kait
Share if you care.