Trotula - Ärztin im mittelalterlichen Salerno

4. Februar 2003, 20:22
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Ihr präventiver Lehr-Ansatz ist heute noch im Volkswissen enthalten

Kräuterkundige, Hebammen, Baderinnen, Wundärztinnen ... weise Frauen. Trotula steht in einer langen Tradition heilender Frauen. Eine Tradition, die mit dem Hexenwahn im 15. Jahrhundert ihr jähes Ende fand. Zu einer Zeit, die als Beginn von Neuzeit und Aufklärung gefeiert wird. Als "Entrée" eines "aufgeklärten", „humanistischen“ Weltbilds, in dessen Namen bis zum 18. Jahrhundert neun Millionen "Hexen" unter extremsten Folterungen ihr Leben lassen mussten.

"Weibische" Gelehrsamkeit

Trotula war dieser Diffamierung und Ausrottung als weiser Frau entkommen. Entkommen alleine aufgrund der Tatsache, da sie Jahrhunderte vor diesem patriarchal klerikalen Wahn, nämlich im 11. Jahrhundert, gelebt hat. Denn im frühen Mittelalter war die Stellung der Frauen noch eine relativ starke. Sie hatten nicht nur Zugang zu Bildung und Ausbildung, mehr als das: Gelehrsamkeit galt als "weibisch" und unmännlich. Das bedeutet, dass a priori adelige Frauen die Trägerinnen des Wissens waren.

Medizinschule von Salerno

Aus dem Adelsgeschlecht di Ruggiero stammend, war sie Mitglied der italienischen Oberschicht und hatte die Möglichkeit, Medizin zu studieren. Als Verfasserin zahlreicher medizinischer Werke machte sie sich an der Schule von Salerno einen Namen. An der zur ersten europäischen Universität Europas erklärten Medizinschule wurde erstmals begonnen, medizinische Texte antiker griechischer WissenschafterInnen aus dem Arabischen ins Lateinische zu übersetzen. Aber auch in anderer Hinsicht bildete Salerno eine rühmliche Ausnahme: Im Gegensatz zu anderen europäischen Unis war die Tradition des Ärztinnenberufs aus dem Römischen Reich gerettet worden und die Ausbildung und Lehre beider Geschlechter vorgesehen.

Ganzheitliches Heilen

Trotula war ihrer Zeit weit voraus. In ihrem holistischen Ansatz stand Prophylaxe an erster Stelle. Sie wies auf Hygiene, ausgewogene Ernährung und ausreichende körperliche Betätigung hin. Wenn die Vorsorge versagte, setzte sie sanfte Methoden wie Bäder, Salben, Massagen ein. Ein sozialer Aspekt dabei war, dass ihre Behandlungsmethoden auch für arme Leute erschwinglich waren.

Berühmt wurde sie vor allem aufgrund ihrer Kenntnisse der Frauenheilkunde. Mit Geburtshilfe war sie genauso vertraut wie mit der Kontrolle von Geburten und dem Problem der Unfruchtbarkeit. Letzteres betrachtete sie – und hierin war sie progressiv und hatte viele Gegner – als ursächlich nicht alleine bei Frauen, sondern wies auf das häufige Auftreten von Sterilität bei Männern hin. Ihre Kenntnisse auf diesen Gebieten publizierte sie im Werk "Passionibus Mulierum Curandorum", das später mit ihrem Buch über Hautkrankheiten und Kosmetik, "Ornatu Mulierum", zum Gesamtwerk "Trotula Major" zusammengelegt wurde.

Leugnung ihres Werkes

Trotulas Lehren breiteten sich noch über Jahrhunderte hinweg im Volkswissen aus. Bis zum 16. Jahrhundert waren ihre Schriften Standardwerke und wurden an allen Medizinschulen verwendet. Dann wurde es ruhig um Trotula, denn die androzentrische Geschichtsschreibung machte in ihren Verfälschungen und Leugnungen auch vor ihr nicht halt. Anfänglich wurden ihre Werke ihrem Mann, dem Arzt Johannes Platearius, zugeschrieben oder sie selbst als Mann - "Trottus" - ausgegeben. Später wurde ihre Existenz überhaupt bestritten, weil Ärztinnen nicht dem bürgerlichen Weiblichkeitsideal entsprachen.

Heute sind viele feministische Vereine nach ihr benannt, auch das in Wien ansässige Frauengesundheitszentrum "Trotula". (dabu)

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