Wahrheit ist einfach, oder sie ist nicht

31. Mai 2001, 17:54
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Peter Brook, gleich mit zwei Produktionen in Wien, im Interview

Peter Brook (76) gastiert mit gleich zwei Produktionen bei den diesjährigen Wiener Festwochen. Auf das südafrikanische Stück "Der Anzug" folgt ab 8. Juni Brooks "Hamlet"-Deutung im Museumsquartier. Ronald Pohl gegenüber beharrt der Erzähler auf der Einfachheit von Zeichen.


Wien - Der in Paris lebende, forschende und inszenierende Peter Brook ist klein, zart, unendlich höflich und auf eine unprätentiöse Weise höchst mitteilsam. Der Denker in ihm kennt keine Moden und keine hochtrabenden Sentenzen. Was er macht, ist, was es ist; und das ist mehr, als andere je erreichen.

STANDARD: In Le Costume wird die Geschichte eines Ehebetrugs erzählt; der gehörnte Gemahl macht den Anzug, den der Liebhaber im Bett der Ehefrau zurücklässt, zum Fetisch seiner Rache. Das Kleidungsstück ist somit ein Zeichen.

Sie haben einmal geschrieben: "Das, was lügt und hinter den Zeichen steckt, ist, was ihre wahre Bedeutung ausmacht." Worin liegt die Bedeutung von Le Costume?

Brook: Die Geschichte stammt von einem brillanten südafrikanischen Autor, Can Themba. Für ihn lief das Leben in den 50er- und 60er-Jahren so schnell ab, dass er nie dazu kam, einen ordentlichen Roman zu schreiben. Also behalf er sich mit der Abfassung von wunderbaren Kurzgeschichten.

Der Text stammt aus jener Zeit, als die Agonie des Apartheid-Regimes am schlimmsten war. Nun muss man auf die Apartheid nicht mehr direkt Bezug nehmen; aber die Geschichte bleibt im Grunde sehr simpel. Die untreue Ehefrau hat einen Liebhaber, der Liebhaber springt aus dem Fenster - unter Zurücklassung seines Anzugs. Der Ehemann bestraft sie, indem er sagt: "Dieser Anzug wird von nun an das Leben mit uns teilen!"

Man hat ja geglaubt: Jede nur erdenkliche Variation auf das Dreieck Mann-Frau-Liebhaber sei schon erfunden. Doch diese Version ist absolut neu!

Ihre wahre Bedeutung liegt in der Ausdauer der beschriebenen Konstellation. Sie bezieht sich nicht auf das heutige Wien oder sonst irgendeinen Punkt auf der Erde, sondern auf ein Township. Und unter dem Druck der dortigen Verhältnisse radikalisierten sich natürlich alle Lebensfragen. Das wahre Thema liegt im Grunde in der unterwürfigen Natur der Frau. Das könnte immerhin auch nach Wien passen, oder?

STANDARD: Obwohl der Stoff so wohl nur in Südafrika hat entstehen können.

Brook: Moment. In dieser unter furchtbarem Druck stehenden schwarzen Gesellschaft möchte ein junger Mann große Karriere machen: Er möchte wie die Sonne in der Welt aufgehen. Er glaubt an Disziplin, Geradlinigkeit und an die Reinheit seiner Werte. Er arbeitet für einen Anwalt: Geht in keine Bars, vergnügt sich nicht geschlechtlich, gar nichts.

Seine Frau versteht das nicht. Es ist ein bisschen wie mit Carmen und Don José: Sie hat Zigeunerblut in ihren Adern. Sie will das Leben auskosten. Ein vollkommen anderes Lebenskonzept. Nun ist er aber so diszipliniert und kultiviert, dass er nicht einfach gewalttätig Rache übt.

Er ersinnt ein theatralisches Rachespiel, das in seiner Grausamkeit jede Handgreiflichkeit bei weitem übertrifft. Und nun befinden wir uns im Zentrum der wahren Bedeutung von Le Costume: Ich bin nicht grausam, sagt der Ehemann. Ich werde sie doch nicht einfach schlagen! Aber er denkt sich etwas Furchtbareres aus. Es ist das Theater seiner Einbildung; die Tragödie seiner eigenen Komik. Wir glauben doch alle, wie großartig zivilisiert wir seien. Mit Gewalt haben wir nichts im Sinn, nicht wahr?

STANDARD: Ihrer Deutung von Hamlet rühmt man die Genialität ihrer Einfachheit nach. Wie klaubt man den armen Dänenprinzen aus dem Wust an Deutungen hervor?

Brook: Man entkleidet ihn aller Deutungen, ganz einfach. Es hat sich in den Jahrhunderten ein wahrhaft furchteinflößender Überbau ausgebildet. Der "frische" Blick auf Hamlet bedeutet nur: Räumen wir für einen Moment die ganze Theorie einmal beiseite!

Warum wird zum Beispiel immer behauptet, Hamlet sei ein politisches Stück? Diese Behauptung datiert aus den 60er-Jahren. Davor wäre niemand auf diese Schnapsidee gekommen. Oder man sagt, es seien eben alle Shakespeare- Stücke irgendwie "politisch". Die einzige politische Episode betrifft doch das Auftauchen des Norwegers Fortinbras. Nun hatte der arme Shakespeare das Pech, das Konzept der Demokratie nicht zu kennen. Es gab für ihn nur Könige: gute und schlechte. Die meisten von der Macht korrumpiert, ab und an ein guter.

Wer ist nun dieser Fortinbras, dessen Herrschaft am Ende von Hamlet steht? Ein junger, glamouröser Kriegsherr. Was denkt sich eigentlich ein Neonazi, wenn er den auf der Bühne sieht? Menschen gehen für ihren Kriegsherren in den Tod, ohne sich zu beklagen. Das ist, wenn man so will, die politische Situation in Hamlet.

Hamlet verfügt aber über eine innere Hemmung: Er scheut vor der Tat zurück. Aber es findet sich nirgendwo ein Hinweis darauf, dass er schwach wäre, ein Neurotiker oder was immer. Er ist hingegen brillant, gescheit, skrupulös, hoch gebildet. So wie er, wäre doch jeder heutige junge Mann gerne: Er hasst Korruption, und er hinterfragt. Er erhält einen Auftrag vom Vater; aber er hinterfragt, was es damit auf sich hat.

Hamlet als der Grübler, der Schwärmer, der ödipale Hamlet - Hamlet als Bruder des gefühlsüberfließenden Werther, das sind Konstruktionen aus späterer Zeit.

Unsere Deutung ist somit sehr reduziert, wenn man so möchte. Was mich nur betrübt, ist die Halle im Museumsquartier, die uns die Festwochen entgegen den Absprachen zur Verfügung gestellt haben - sie ist zu groß und macht jede Intimität unmöglich.

STANDARD: Es ist wohl unsinnig, Sie nach dem Krisengerede zu fragen, das einem zumindest im deutschsprachigen Raum das Theater vergällt. Verfolgen Sie solche Debatten?

Brook: Es gibt drei menschliche Grundbedürfnisse: das nach Nahrung; ein solches nach körperlicher Liebe; und das nach Spiel. Letzteres wird niemals von den Institutionen abhängen, auch wenn damit natürlich sehr viel Geld umgesetzt wird. Aber Politiker haben sowieso nur eine Aufgabe: brav die Subventionen gewähren und dann möglichst aus dem Blickfeld verschwinden!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 6. 2001)

"Le Costume" von Can Themba, Museumsquartier, Halle G, Premiere: 31. Mai, 20.30 Uhr, weitere Aufführungen: 1.-4., 6.-9.6., 20.30 Uhr sowie am 4.6. um 16 Uhr; "The Tragedy of Hamlet" von William Shakespeare, Museumsquartier, Halle E, Premiere: 8. Juni, 19.30 Uhr, weitere Aufführungen: 9.,10., 12.-17.6., 19.30 Uhr sowie am 16.6., 14 Uhr.
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