"Mr. Humble" sind die Stimmen nahezu sicher

29. Mai 2001, 13:05
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Blairs Labour Party liegt in allen Umfragen weit vorn

Frankfurt/London - Als Tony Blair und seine Labour Party vor vier Jahren mit einem Erdrutschsieg an die Macht kamen, waren erstmals mehr Frauen im Londoner Unterhaus vertreten als Männer namens John - so munkelte man damals. Frischen Schwung schrieb sich die aufgepeppte und nach einem Rechtsruck auch für die breite Mitte wählbare Partei - "New Labour" - auf die Flagge. Tony mit dem jungenhaften Lächeln brachte Charme und Farbe in die politische Landschaft, was seinem als graue Maus verspotteten konservativen Vorgänger John Major partout nicht geglückt war.

Mittlerweile ist die Farbe etwas abgebröckelt. Die Irrungen und Wirrungen der Inselpolitik haben ihren Tribut gefordert. Doch weder Ölpreiskrise, diverse Enthüllungen geheimer Papiere noch MKS scheinen Tony Blair viel anhaben zu können: In die Parlamentswahl am 7. Juni geht Labour laut Umfragen mit haushohem Vorsprung vor den Konservativen um William Hague. Nach jüngsten Erhebungen liegt Labour bei etwa 50 Prozent, Hagues Tories kommen demnach nur auf knapp 30 Prozent. Noch weiter abgeschlagen landet die drittstärkste Kraft im Lande: Den Liberaldemokraten werden nur 12 bis 13 Prozent zugetraut.

Zwar sackte Labour in den Umfragen im Herbst stark ab, als Bauern und Kraftfahrer wegen der gestiegenen Ölpreise massiv gegen die Regierung mobil machten. Damals geriet Blair in echte Bedrängnis und wurde sogar von den Tories überrundet. Natürlich wurde Kritik am Kabinett laut, als Rover die Türen dicht machte, wieder neue Anschläge aus Nordirland gemeldet wurden und vor allem als Tag für Tag hunderte Tiere wegen der Maul- und Klauenseuche auf dem Scheiterhaufen landeten. Dass Tony Blair weiterhin in der Downing Street residieren wird, scheint dennoch ziemlich sicher. Darauf werden nicht einmal die wettversessenen Briten viele Pfunde setzen.

Erfolge und mutige Schritte

Vorzuweisen hat die Regierung einige Erfolge und mutige Schritte: Sie hielt die Wirtschaft in Fahrt, präsentierte zahlreiche neue Arbeitsplätze - im Februar 1998 wurde bereits die niedrigste Arbeitslosenquote seit 1980 gemeldet - und einen wenn auch stockenden, so doch angestoßenen Friedensprozess in Nordirland. Außerdem brachte sie die Beziehungen zur EU wieder in ruhigeres Fahrwasser, gewährte den Schotten und Walisern stärkere Autonomie und brachte London seinen Bürgermeister zurück. Persönliche Pluspunkte sammelte Blair als Familienmann, zuletzt mit dem im Mai vergangenen Jahres geborenen Söhnchen Leo. Und auch dass Junior Euan betrunken aufgefunden wurde, machte man Blair nicht zum Vorwurf. Im Gegenteil, das Volk fühlte mit Papa Tony.

Für die kommende Legislaturperiode hat sich Labour in einem 44-seitigen Wahlprogramm zehn große Ziele gesetzt. An erster Stelle stehen wirtschaftliche Stabilität und steigender Lebensstandard, dann folgen der Ausbau des Erziehungs- und Gesundheitswesens und die Vollbeschäftigung in allen Regionen des Landes. Zur Steuerpolitik heißt es: "Unser Ziel ist es, mehr Reichtum in die Hände von mehr Menschen zu legen."

Die Konservativen lehnen sich ein ganzes Stück weiter aus dem Fenster. Sie versprechen umfassende Steuererleichterungen, billigeres Benzin und geringere Staatsausgaben, zugleich aber ebensolche Investitionen wie Labour in Erziehung, Gesundheit und in den Kampf gegen die Kriminalität.

Hague hält Sieg noch für möglich

Noch könnten die Konservativen gewinnen, feuerte Hague dieser Tage seine Partei an. Die Tories, die seit der letzten Wahl nur noch halb so viele Sitze in den Commons haben wie zuvor, reden sich verzweifelt Mut zu, dass es noch zuhauf unentschiedene Wähler gebe. Für Hague steht aber noch mehr auf dem Spiel: Beweist er vor und während der Wahl Stärke, gerät sein Posten als Parteichef wohl auch nach der Wahl kaum ins Wackeln. Denn auch den Tories wird sich vor allem ein Umfrageergebnis eingeprägt: Jeder Zweite hält Hague für eine Witzfigur.

Die größte Herausforderung, der sich Blair am Wahltag stellen muss, sind aber wohl weniger die noch Untentschlossenen, sondern vielmehr die Apathischen oder die allzu Siegesgewissen. "Überheblichkeit könnte tatsächlich die Labour-Wähler dazu treiben, im Bett zu bleiben", mahnt das Magazin "Economist". Blair bemüht sich deshalb untentwegt, den Eindruck zu vermeiden, dass er den Sieg schon in der Tasche hat. "Mr. Humble" ("Herr Bescheiden"), wie ihn der "Economist" deshalb nennt, betont, dass er sich über jede Stimme freut. (APA)

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