"Die Menschheit wird immer dicker"

30. Mai 2001, 13:57
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1,2 Milliarden Menschen sind übergewichtig - in Österreich elf Prozent der Bevölkerung

Wien - Die Menschheit wird immer dicker. Bereits 1,2 Milliarden Menschen sind übergewichtig, 250 Millionen Personen fettsüchtig. In Österreich stieg der Anteil der Adipösen von 8,5 Prozent an der Gesamtbevölkerung im Jahr 1991 auf elf Prozent im Jahr 2000. "Dieser Anteil muss bei den elf Prozent eingefroren werden", forderte am Dienstag der Grazer Experte Univ.-Prof. Dr. Hermann Toplak bei einer Pressekonferenz aus Anlass des 11. Europäischen Fettsucht-Kongresses in Wien (30. Mai bis 2. Juni).

An dem Kongress nehmen rund 2.000 Fachleute aus mehr als 50 Staaten teil. Die Adipositas (Fettsucht) - an ihr leiden Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 30 - gilt unter den Fachleuten als eine echte Seuche der westlichen Welt. Der Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik (Universitätsklinik Wien/AKH): "Fettsucht ist eine chronische Erkrankung. In Deutschland sind schon 20 Prozent der Menschen davon betroffen, in Japan hingegen nur ein Prozent. Doch es gibt neue Erkenntnisse und Medikamente."

Das Grundproblem laut Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hoppichler vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Salzburg: "Wir leben mit dem Stoffwechsel eines Steinzeitmenschen in der Neuzeit. Ich war gerade in den USA. Es ist eigentlich entsetzlich. An jeder Ecke entsteht ein Pizza-Geschäft. Die Coca-Colaisierung und das Fast Food haben uns überrannt."

Die Evolution des menschlichen Organismus ist jedenfalls längst nicht so schnell wie die Entwicklung der modernen Wohlstandsgesellschaft. Toplak: "Die Evolution hat herausselektioniert, dass wir gut Fett speichern können."

80 Prozent der Diabetiker fettsüchtig, 50 Prozent der Hypertoniker

Fettsucht ist jedenfalls ein potenzieller Killer. Der Salzburger Experte Univ.-Prof. Dr. Friedrich Hoppichler: "80 Prozent aller Diabetiker sind adipös, auch 50 Prozent aller Bluthochdruckpatienten und 50 Prozent aller Patienten mit Fettstoffwechselstörungen. Zehn Prozent mehr Gewicht bedeuten eine Risikoerhöhung wegen Herzkrankheiten um 13 Prozent. Eine Gewichtsabnahme um zehn Prozent führt zu einer Senkung des Blutdrucks um 13 Prozent."

International wird das Körpergewicht per Body-Mass-Index (BMI) klassifiziert. Das ist ein Wert, der sich aus dem Gewicht in Kilogramm durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat errechnet. Ein Wert von 20 bis 24,9 gilt als normal, 25 bis 29,9 bedeuten Übergewicht, darüber liegt die Fettsucht (Adipositas). Ein BMI-Wert von 30 entspricht etwa 100 Kilogramm Körpergewicht eines 1,85 Meter großen Mannes oder 85 Kilogramm einer 1,65 Meter großen Frau.

Bei dem europäischen Adipositas-Kongress in der Wiener Hofburg werden auch Studien mit den Abnehm-Medikamenten Orlistat (Xenical) und Sibutramin (Reductil) präsentiert. Ersteres wirkt über eine Hemmung der Aufnahme von Fett aus dem Darm, zweiteres wirkt auf das Gehirn und dämpft vor allem Heißhungerattacken. Daneben wird beispielsweise auch über die Entdeckung des so genannten Orexin-1-Rezeptors berichtet. Er verhindert bei Mäusen Diabetes und Übergewicht.

Der Grazer Experte Univ.-Prof. Dr. Hermann Toplak forderte bei der Pressekonferenz eine massive Besserstellung der Finanzierung von Vorbeugungsprogrammen gegen die Adipositas: "Die Krankenkassen zahlen die Chirurgie (chirurgische Eingriffe zur Behandlung der Adipositas, z.B. "Magenverkleinerung") ab einem BMI von mehr als 40. Das entspräche einem Gewicht von 116 Kilogramm bei 1,60 Meter Körpergröße. Man müsste früher anfangen."

Univ.-Prof. Dr. Bernhard Ludvik, mit seinem Fachkollegen Toplak Kongresspräsident: "Die Prävention müsste in den Schulen beginnen. Die kindliche Adipositas korreliert mit der Zeit, die die Kinder vor Bildschirmen verbringen." Die Konsequenzen der Fettsucht stellen sich dann später ein: Nur 15 Prozent der Betroffenen erreichen eine normale Lebenserwartung. (APA)

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