Anklage: Völkermord

29. Mai 2001, 07:28
posten

Mutmaßlicher NS-Kriegsverbrecher Kalejs wird an Lettland ausgeliefert

Melbourne - Der mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher Konrad Kalejs wird von Australien an sein Heimatland Lettland ausgeliefert. Mit der Entscheidung gab ein australisches Gericht am Dienstag einem auf Anklagen wegen Völkermord und Kriegsverbrechen gegründeten lettischen Auslieferungsgesuch statt. Die Anwälte des 87-Jährigen kündigten Berufung gegen den Beschluss an. Ihrer Darstellung nach ist ihr Mandant blind, fast taub und schwer krank.

Kalejs wäre der erste mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher, dem Lettland seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 den Prozess macht. Der 87-Jährige gab bereits zu, der lettischen NS-Todesschwadron "Arajs Kommando" angehört zu haben, bestreitet aber jegliche Verbrechen. Die lettische Staatsanwaltschaft wirft Kalejs vor, 1942 und 1943 im Arbeitslager von Salaspils eine Wacheinheit geleitet zu haben. In dem Lager wurden viele Juden und russische Kriegsgefangene gefoltert und erschossen.

Mangelnde Beweise

Das Kommando Arajs wird für die Hinrichtung von mindestens 13.000 Juden, Roma und anderen Zivilisten im von den Deutschen besetzten Lettland verantwortlich gemacht. Von 70.000 vor dem Zweiten Weltkrieg in Lettland lebenden Juden überlebten nur 4.000 Verfolgung und Vernichtung durch die deutschen Nationalsozialisten und einheimische Helfer.

Kalejs war 1950 aus Lettland nach Australien ausgewandert und hatte 1957 die australische Staatsbürgerschaft erhalten. 1959 war er in die USA umgezogen, von wo er 1994 als mutmaßlicher Kriegsverbrecher ausgewiesen wurde. 1995 ging er nach Kanada, das ihn zwei Jahre später zur Rückkehr nach Australien zwang. Die australischen Behörden stellten 1998 ihre Ermittlungen gegen Kalejs wegen mangelnder Beweise ein. 1999 wurde er in einem Altersheim in Großbritannien entdeckt. Mit einer Ausreise nach Australien entging er der Ausweisung. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.