Trockentraining für den UNO-Nachwuchs

28. Mai 2001, 22:36
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Mehr als 2000 Studierende nehmen jedes Jahr an der größten Simulationskonferenz der Welt teil

New York - Im luxuriösen Grand Hyatt Hotel von Manhattan schlagen alle in der UNO stimmberechtigten Staaten und viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) jedes Jahr für eine Woche ihre temporären Hauptquartiere auf. Genauer gesagt: Vertreter von knapp 200 Universitäten, die hier in New York entweder für ein Land oder eine NGO (jedoch nie für ihren Heimatstaat) an der National Model United Nations Conference (NMUN), der größten Simulationskonferenz der Welt, teilnehmen.

Die NMUN entstand 1946, kurz nach der Gründung der Vereinten Nationen. Studierende aus der ganzen Welt haben dabei die Möglichkeit, die inneren Zusammenhänge der UNO und anderer internationaler Organisationen besser kennen und verstehen zu lernen. Dabei ist vor allem diplomatisches Geschick gefordert. Göran Swistek, Missionschef der Universität der Bundeswehr aus Hamburg, verhandelt heuer mit seinen 13 KollegInnen für den Nachbarstaat Dänemark: "Die Sitzungen sind nahe an der Realität - es geht dabei um Themen wie Völkerrecht, Entwicklungspolitik oder Umwelt", erzählt der Offizier und Politikstudent. "Man lernt schnell, dass Diplomatie eine eigene Sprache und eigene Gesetze hat."

Ein Jahr haben sich die Hamburger Studierenden mit Anredeformeln, diplomatischen Dossiers und Fußnoten beschäftigt, um die Standpunkte Dänemarks glaubhaft vertreten zu können. Dazu gehörten auch Gespräche mit dänischen UN-Delegierten, die dann die Erarbeitung von Positionspapieren ermöglichten. Für Kaylin Bailey, Generalsekretärin der NMUN, hat gerade diese lange Vorbereitungsphase den größten pädagogischen Effekt: "Wir möchten, dass alle Teilnehmer innovative Lösungsansätze für die großen Probleme der Welt erarbeiten. Gleichzeitig lernen sie dabei die Kultur und Geschichte eines anderen Landes zu respektieren und später zu repräsentieren." Der strenge Dresscode gehört für Swistek, der in seiner noblen Offiziersuniform jeden Fauxpas vermeidet, genauso dazu: "Im Verhandlungssaal wird auf korrekte Kleidung und angemessenes Vokabular größten Wert gelegt".

Realitätsnähe

Einige der TeilnehmerInnen nähern sich schon sehr der Realität an, indem sie auch noch um Mitternacht an einem Text feilschen oder einen Geschäftsordnungstrick beantragen: "Es kommt manchmal vor, dass sich ein karibischer Inselstaat über Nacht zum Führer der UNO erklärt. Und die Vertreter des Iraks und der USA schmieren sich grundsätzlich keinen Honig um den Mund", schildert Swistek.

Da das UNO-Sekretariat nur wenige Minuten vom Hotel entfernt liegt, kommt auch der Kontakt mit dunklen Limousinen und "echten" Diplomaten nicht zu kurz. Bei Gastvorträgen und Hintergrundgesprächen erfahren die Delegierten, wie es in der Realität zugeht, wenn der Sicherheitsrat zusammentritt, oder welche Funktionen NGOs haben. Eines haben die Nachwuchsdiplomaten jedenfalls schnell gelernt: Wichtige Entscheidungen fallen nicht immer bei den offiziellen Verhandlungen. Nachwuchsdiplomat Swistek: "Richtig spannend wird es manchmal erst, wenn die Vertreter der USA und Chinas am Abend gemeinsam noch ein Bier trinken gehen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe 29. 5. 2001)

Von STANDARD-Mitarbeiter Matthias Wabl
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