Johannesburger Luxus hinter Gittern

28. Mai 2001, 20:05
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Südafrikas Reiche verbarrikadieren sich in ihren Villen

Am Sonntag ist "Showday" in Johannesburg. Jedes Wochenende erneut mobilisiert er in Südafrikas Glitzermetropole ganze Scharen Neugieriger, es ist eine Art neues Gesellschaftsspektakel, bei dem weder Musicals noch Kabaretts auf dem Programm stehen, sondern schlicht Woh-nungsbesichtigung. Makler gewähren einen ganzen Nach- mittag lang einen Blick hinter die Fassaden.

"Viele kommen einfach nur zum Schauen", sagt Rowena Ridden. Die Maklerin sitzt am Montgomery Park und erwartet Kunden in einem Haus, bei dem man sich fragt, ob es nicht ein einziges großes Gefängnis ist: Stahltore versperren den Eingang, Gitter die Fenster, Zellentüren den Schlafbereich. Die Veranda ist ein Gitterkäfig.

Mauern der Angst

Der "Schautag" ist nicht nur für Käufer ein Blick hinter die Mauern der Angst, die in Johannesburg immer höher wachsen. Angst vor Überfällen hat erst vor wenigen Tagen eine Studie zum Einfluss der hohen Kriminalitätsrate auf den Stadtteil Midrand scheitern lassen. Voller Misstrauen wurden die Interviewer zum Teil mit Schlägen und von kläffenden Wachhunden an den meisten Haustüren in die Flucht geschlagen - das Thema der Umfrage hatte sich drastisch selbst erläutert.

Die hohe Kriminalitätsrate hat diese Angst bei vielen Weißen, aber zunehmend auch bei dem sich herausbildenden schwarzen Mittelstand geschürt. Kaum ein Haus, das ohne Alarmanlage und elektrischen Zaun auf den Umfassungsmauern auskommt. Elektrisch öffnende und schließende Einfahrtstore sind Standard - sie sind Schleusen in die heile Welt hinter Sicherheit vorgaukelnden Mauern und Zäunen.

Während sich Stadtteile mit patrouillierenden Wachdiensten kaum der Nachfrage erwehren können, finden selbst wahre Traumvillen nur selten Käufer, wenn sie an der verkehrten Stelle stehen. In Bordeaux, einem Stadtteil im Nor-den von Johannesburg, steht so ein gepflegtes Gebäude, mit Bar, Veranda, Prachtgarten, Swimmingpool und üppig ausgestatteten Nebengebäuden. Stünde es in der gleichnamigen französischen Wein-metropole, so wäre es (umgerechnet) um kaum weniger als 5,5 Millionen Schilling (rund 400.000 Euro) zu bekommen. In Johannesburg findet es selbst für 440.000 Rand (etwas weniger als 900.000 Schilling oder 65.000 Euro) kaum einen Abnehmer.

Alkohol und Gewalt

Warum das so ist, verraten die Mieter hinter dem Rücken der Maklerin: Eine Straße weiter hat direkt neben einem Taxistand eine Shebeen eröffnet, ein traditionelles schwarzes Bierbeisel. Und Alkohol und Gewalt gehen nicht nur hier häufig Hand in Hand.

Die allgegenwärtige und mitunter diffuse Angst, die gelegentlich in wahre Paranoia umschlägt, hat nicht nur Weiße erfasst, sondern auch Schwarze. In der Nach-Apartheid-Ära haben es einige von ihnen zu Wohlstand gebracht. Und beide Gruppen wollen ihren Wohlstand absichern gegen die Begierden der übermächtigen Mittellosen - ein Spiegelbild von Erster und Dritter Welt auf engstem Raum.

Auf rund drei Millionen schätzt allein die Regierung die Zahl der fehlenden Wohnungen im Lande, der private Sektor spricht von vier bis sechs Millionen. Die akute Knappheit an Wohnraum und hohe Preise in Johannesburg führen bei den Obdachlosen immer wieder zu Explosionen der Gewalt. Eine Zwangsumsiedlung in der Schwarzensiedlung Alexandra, in der statt der ursprünglich geplanten 70.000 mehr als fünfmal so viele Menschen leben, sorgte noch vor kurzem für sozialen Sprengstoff.

Kein Wunder, dass der Wohnungsmarkt in Johannesburg für Europäer kuriose Blüten treibt. Häuser, die direkt an lärmigen und viel befahrenen Durchgangsstraßen liegen, gelten als attraktiv. Einbrecher, so das Verkaufsargument, scheuen die Öffentlichkeit. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 29. 5. 2001)

Kriminalität und Rassenkonflikte sorgen in der südafrikanischen Millionenstadt dafür, dass sich Wohlhabende mit Stacheldrähten umzäunen und Villen an lärmenden Straßen die beliebtesten sind, berichtet Ralf E. Krüger.
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