Phonintensive Tutti-Gewitter

28. Mai 2001, 21:16
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Mstislaw Rostropowitsch und die Philharmoniker im Musikverein

Wien - Mstislaw Rostropowitsch ist der Albatros unter den Dirigenten. Noch in der 27. Reihe des Musikvereins erkennt man die Größe und Spannweite seiner Hände, die ihm die Aneignung eines nicht minder Respekt einflößenden Repertoires erleichterte. Umfassend ist aber nicht nur der musikalische Gusto des Cello-Weltmeisters, sondern auch sein Wirkungskreis: Pädagoge, Solist und Dirigent ist "Slawa" in Personalunion.

Bemerkenswert daran ist die von ihm überlieferte Selbsteinschätzung. Wenn er das Cello streiche, dann liebe dies das Publikum. Er aber liebe es viel mehr zu dirigieren. Allein: Er fürchtet, das Publikum liebe dies entschieden weniger. Jenes der philharmonischen Abo-Konzerte jedenfalls müsste er ausnehmen - so herzlich wurde er begrüßt und auch verabschiedet.

Dennoch wurde man den Verdacht nicht los, hier wird mehr einer Legende gehuldigt denn musikalischen Taten. Nicht so recht vom Fleck kom- men wollte etwa Tschaikows- kys fünfte Symphonie. Was nicht nur am zähflüssigen Werk selbst lag, dem ja motivisch-thematische Arbeit so fremd ist wie dem Teufel das Weihwasser; Rostropowitsch ließ sich vom philharmonischen Schönklang verzaubern. Es fehlte an den sinnstiftenden Zusammenhängen.

Nicht unbedingt Seelenverwandtschaft verbindet ihn mit Schostakowitsch, dafür aber tiefes Verständnis. Mit einer verstörend brüllenden "Achten" war er mit den Philharmonikern schon zu hören gewesen. Die zehnte Symphonie bietet da kaum weniger aggressive Tutti-Gewitter, was ein insgesamt phonintensives Programm bedeutete.

Am eindrücklichsten gelang aber nicht das pompöse Finale, sondern das wie unter Schleiern atmende Andante. Denn selbst wenn Schostakowitsch laut jubelt, schwingt immer vorangegangenes Leid mit. So leicht lassen sich die Schatten der Diktatur nicht verjagen.
(Wolfgang Schaufler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 5. 2001)

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