"Leben ist Verteidigung"

28. Mai 2001, 22:35
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US-Schriftsteller T. C. Boyle war zu Gast in Wien: Ein Gespräch

Wien - Bevor der 1948 in Peekskill, N. Y., geborene T. C. Boyle zu schreiben begann, spielte er in einer Rockband. Wie mit einer E-Gitarre in der Hand sieht er auch aus, ja so schreibt er eigentlich, ziemlich heftig zupfend, mit witzigen Verzerrungen: Seit seinem ironischen Geschichtsroman World's End 1992 ist T. C. Boyle einer der meistgelesenen US-Autoren auf dem europäischen Markt.

Mit seinem neuen Roman Ein Freund der Erde trat Boyle nun am Samstag unter heftigem Applaus in Wien auf - und stellte auch hier die Kondition eines Rockstars unter Beweis. Das Flugzeug aus Basel hatte größere Verspätung, die (vom STANDARD mitveranstaltete) Lesung in der Buchhandlung Amadeus begann unweigerlich um 18 Uhr, und davor musste er noch vier Interviews absolvieren. Wir waren als Vierte an der Reihe:

STANDARD: Weil Sie jetzt sicher schon ausführlichst zu Ein Freund der Erde und der darin ins Jahr 2025 gelegten Ökokatastrophe befragt worden sind, möchte ich Sie lieber zu einer Story fragen, in der Witz und Thema Ihres Romans schon angelegt sind - Decent of Man, die Abstammung des Menschen.

Boyle: Starten wir durch!

STANDARD: Dort zitiert der Schimpanse Karl Verse von William Butler Yeats, und ich frage mich seither: Stammen wir vom Schimpansen ab, oder die Schimpansen von Yeats?

Boyle: Was wäre, wenn? - Ich schrieb die Geschichte ganz früh, als zwanzigjähriger Student, weil man immer hörte, der Mensch sei die Krone der Schöpfung oder so. Aber wir sind mit Schimpansen näher verwandt als diese mit Gorillas. Eigentlich stellte ich mir in der Story mit der Frage nach der Abstammung die Frage nach Gott.

STANDARD: Wer ist das?

Boyle: Na ja, damals wollte ich das noch wissen.

STANDARD: Auch andere Mythen interessierten Sie - Ihr Gesamtwerk entwickelt in satirischen Brechungen eine Enzyklopädie des amerikanischen Traums: der Pioniergeist - verulkt in World's End-, der Selfmademan, die Pseudoabenteurer in Ihren Storys.

Boyle: Ja, Amerika ist voll von diesen Mythen, da braucht ein Autor gar nicht suchen, die Themen springen ihn an. So hasse ich vor allem den traditionellen Heroismus: Abenteuer, Großwildjagd, Wettbewerbe. Auch den Sport, obwohl ich nur zwei Sportstorys geschrieben habe, eine davon heißt 56:0.

STANDARD: Brasilien gegen Österreich?

Boyle: Nur American Football, leider. Von den ersten Jahren an wird jedem eingetrichtert, im Sport lerne man Fairness, Teamgeist, und Kunstfertigkeit gewinne. Aber ein Ergebnis von 56:0 demonstriert deutlich: Leben ist Verteidigung. Ohne Verteidigung wird jeder zur Lachnummer. Bewundert und angefeuert wird aber immer nur der Angreifer. So zeigt Sport sehr gut, was aus den Schimpansen wurde, sobald der Mensch die Sache in die Hand nahm.

STANDARD: Neben dem Mythos des edlen Sportsmanns und der edlen Polarfahrer - sie schmausen bei Ihnen die Genitalien des Moschusochsen, in Portwein geschmort - zerstören Sie in einer Satire auf die Fernsehserie Lassie auch denjenigen der idyllischen amerikanischen Kleinfamilie.

Boyle: Es sind leere Helden. Also, Lassie, das war einfach die Höhe! Inständig zelebrierte man da eine glückliche Familie. Das widersprach aber meiner eigenen Erfahrung: Meine Familie war nicht glücklich. Deshalb ließ ich Timmy in meinem Lassie von Kojoten zerreißen. Und wieder auferstehen.

STANDARD: Sie probieren ganz unterschiedliche Arten von Schreiben aus. In Ihrem neuen Buch legen Sie die Ökokatastrophe in eine nahe Zukunft. Aber schon in der Story Das Ende der Nahrungskette verfolgten Sie die fatalen Wirkungen von DDT: von Fliegen über Geckos . . .

Boyle: . . . bis zu den Katzen, die, weil sie die vom DDT lahm gewordenen Geckos fressen, ebenfalls sterben. Sodass neue importiert werden müssen und mit Fallschirmen abspringen. Ja, die Geschichte mag ich.

STANDARD: In Ihrem Zivilberuf unterrichten Sie "creative writing". Ihr Kollege John Asberry antwortete unserer Zeitung einmal auf die Frage, was man da mache: Oh, ganz einfach - er gebe seinen Student(inn)en einfach Gedichte in Finnisch. Und die sollten sie übersetzen.

Boyle: Eine glänzende Idee! Ich werde Romane in Finnisch austeilen! Im Ernst: Natürlich kann man Begabung nicht unterrichten, die muss jemand haben. Aber dann kann man sie coachen. Ich habe so viele Begabte dort, es ist ein Glück. Und der Job ist auch ein Glück für mich: vier Stunden in der Woche. Ist doch zu schaffen, nicht?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 5. 2001)

Von
Richard Reichensperger

Über den Autor
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