Theateraquarium der Rollenzwänge

29. Mai 2001, 21:22
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"SzenePenthesilea EinTraum" - zähes und doch raffiniertes Musiktheater

Wien - Irgendwo. Überall. Am Meeresgrund. Im Traum des Komponisten, vor Trojas blutigen Mauern. Bei den Festwochen. Im Theater an der Wien. Das sicher, denn die Bühne zeigt uns ihren Rachen. Schmucklos und nackt ist hier alles - illusionslose Werkstattsituation, aber nicht ausschließlich. Ein Werk lang lässt sich die Bühne einen neonbeleuchteten Quader gleichsam auf der Zunge zergehen, lutscht an ihm, schiebt ihn vom rechten zum linken Weisheitszahn, dreht ihn. In diesem Quader sind Thema, Traum und die leitmotivische Situation dieses sich langsam fortspinnenden Musiktheaters von Christian Ofenbauer - auf den Namen SzenePenthesileaEinTraum getauft:

Eine Frau tippt sich die Schreibmaschinenfinger wund, ein Mann stolziert im Raum umher. Wahrscheinlich Chef, wahrscheinlich diktiert er etwas. Er ist herrisch bis geil (Mittagspause?), sie beschäftigt bis willig. Büroalltag eben. Männer und Frauen. Der Neonraum ist ein Aquarium der Rollenklischees. Viermal wird diese Szene wiederkommen, wie ein lästig quälender Albtraum, bis am Schluss plötzlich Penthesilea in ihm herumirrt. Sie will heraus; aber eingemauert wie Aida, gibt es für sie kein Entkommen. Der unfeine, kleine Unterschied: Sie hat ihren Rhadames, Achilles, ermordet; bis in alle Ewigkeit wird sie seinen Leichnam in ihrer Nähe haben. Im Quader ihrer Träume.

Hier sind wir schon am Ende der neuen "Oper", die sich dem allzu Narrativen und Gestischen entzieht. Und Penthesilea erscheint nun zweifach - nun auch als alte strenge Dame, die sich der Erinnerung an die ermordete Liebe verweigert ("Ich will und kann mich nicht erinnern!"). Ofenbauers Musik ist da längst verstummt. Open end. Es ist am Publikum, an dessen Applaus, das mitunter zähe Porträt der Geschlechterbeziehungen zu beenden.

Zuvor aber das Kernstück, Szenen aus Kleists Penthesilea-Trauerspiel: die Aufforderung Achilles' zum Zweikampf, Dispute im Heerlager der Amazonen, Penthesileas innere Kämpfe. Achilles im Talk mit seinen Kumpanen. Wiederholung, variierte Wiederholung. Etwas zäh. Nun, es geht Ofenbauer nicht um die Schilderung einer letalen Beziehung mit den Mitteln der Opernkonvention. Ins Abstrakte ist alles erhöht; es geht um Beziehungen an sich, um Geschlechteridentität, Rollendruck und Rituale, und entsprechend rituell-statisch ist auch die Inszenierung von Lutz Graf.

An- und ausziehen

Sie kredenzt Porträts der Herrschaftsgestik und viel hüllenloses Flair: Männer in dunklen Anzügen stecken die nackten Kriegerinnen in ihre Rüstungen; nackte Männer vollziehen militärisch strenge Ankleiderituale. Man reißt einander die Kleider vom Leib (Schlacht?); Ohrfeigen fliegen, Handküsse. Auch alles Walzer! Eine Ausstellung des Repertoires gestischer Mann-Frau-Kommunikation ist dieses Werk, eine Ritualoper ohne Worte oft, eine mit Musik untermalte Pantomime- installation bisweilen - durchbrochen von kurzen ariosen Momenten.

Nur Nachrichtenbringer Herold (jederzeit intensiv Corinna Harfouch) darf vom Statuarischen abweichen, ist ein Wesen zwischen den Heerlagern und Geschlechtern, ein orientierungsloses Wesen - einmal in Stöckelschuhen um Gleichgewicht ringend, dann wieder bubenhaft schüchtern. Immer aber ein Opfer der Milieus und ihrer Rollenforderungen. Nun, diese Erkenntnisse, so taufrisch auch nicht, hat man bald verdaut.

Ofenbauers Musik ist dem Ganzen ein teilnehmender bis teilnahmsloser Beobachter. Sie gibt den Gestus der rituellen Wiederholung vor, hat etwas Maschinelles, ist wie eine Zeitlupentanzmusik und lebt von auf mehrere Instrumente verteilten kontrapunktischen Patterns. In Summe eine kontemplativ tönende Spieldose, die nur punktuell durch einen heftigen perkussiven Herzschlag aufweckt, um am Ende einmal mit Bläserakkorden in Wallungen zu geraten.

Ofenbauer ersinnt im Grunde eine raffinierte musikalische Tropfsteinhöhle, in der Flächen, Stakkato-Mückenstiche und winselnde Flageoletts regieren - gesäumt von Vogelgezwitscher, Regen und dem Sound einer Schreibmaschine. Die Musik ist weniger als Zustand, und dann auch nicht mehr als suggestiver Teil des Bühnenbildes. Eine Farbe.

Den Stimmen von Adrian Eröd (Achilles), Friederike Meinel (Penthesilea) und Annely Peebo (Meroe) gibt Ofenbauer durchaus Lyrisch-Exaltiertes zu verarbeiten. Er greift auch zurück auf die Sprechgesangsgestik von Schönbergs Pierrot und lässt Penthesilea einmal zum Sprechpuppentrio werden. Seltsam: All dies ist formal schlüssig und doch mitunter von der Aura eines tropfenden Wasserhahns. Nur etwas zu lang? Im November wird man dem Werk an der Volksoper wieder begegnen können. Dann wird das Orchester (hier unter Ulf Schirmer) die Strukturen noch mehr verinnerlicht haben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 5. 2001)

Christian Ofenbauers Neuheit, "SzenePenthesilea EinTraum" - eine Koproduktion von Wiener Festwochen und Volksoper -, präsentierte sich als zähes und doch raffiniertes Musiktheater. Freundlicher Applaus. Von Ljubisa Tosic.
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