Gebt endlich auf!

30. Mai 2001, 21:16
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"Blumfeld" aus Hamburg und ihr neues Album "Testament der Angst" beweisen: Protestsongs sind auch in Zeiten des Formatradios möglich

Was wurde eigentlich aus dem guten alten Protestsong, aus dem Lied mit Haltung, in einer Welt, in der sogar die einstige revolutionäre Stimme des HipHop sich bis auf wenige Ausnahmen nur mehr mit bekifften Bauchnabelumkreisungen beschäftigt? Bob Dylan, den man gern und immer anführt, wenn es darum geht, seine Stimme gegen die Welt zu erheben, ist gerade 60 Jahre alt geworden. Kein legitimer Erbe in Sicht. Und er wird immer noch missverstanden. Sein früher, unter anderem auch gesellschaftskritisch gelesener, radikaler Individualismus, der in politischer Hinsicht schon Mitte der 60er-Jahre abgeschlossen war, beschäftigte sich zuerst mit der Kunst des Versteckens, später mit jener des Verschwindens. Betrieben wird dies mittels der immer wieder unternommenen, immer gespenstischer wirkenden Neuanordnung lyrischer Bausteine aus seiner Vergangenheit: "It's not dark yet, but it's getting there . . ."

Wenn Dylan nicht gerade wie auf dem demnächst erscheinenden Soundtrack der US-Fernsehserie The Sopranos den höhnischen Lounge-Musiker gibt und Dean Martins Return To Me covert und so zumindestens sein Stammpublikum mittels der guten alten Pop-Technik der Subversion durch Affirmation attackiert, durchstreift hier einer sein Gesamtwerk und interessiert sich mehr für die öffentliche Sichtbarmachung poröser Risse und Wasserflecken als dafür, sein Haus neu zu ordnen und gegen die feindliche Außenwelt zu befestigen. Und bei den Jungen? Tote Hose. Beschwerdeführung als Pose. Der Rest ist Formatradio. Noch nie war der Weg von der Revolte im Kinderzimmer zum Aufstand auf der Straße so weit.

Und jetzt das: "Im Norden, Süden, Osten, Westen die Diktatur der Angepaßten, das Geld vibriert und auf den Genchips diktiert ein freier Markt das Leben, Leben, Leben, Leben. Die Medien helfen ihnen beim Dummsein, ein starker Staat hilft ihnen bei Stummsein. Die Leute wollen unter sich sein und gehen dafür über Leichen, Leichen, Leichen, Leichen. Ihr habt immer nur weggesehen, und es wird immer so weiter gehen. gebt endlich auf - es ist vorbei! Ihr habt alles falsch gemacht, habt ihr nie drüber nachgedacht? Gebt endlich auf - es ist vorbei!"

Jochen Distelmeyer und seine Hamburger Band Blumfeld, die Anfang der 90er-Jahre angetreten waren, um nicht nur die große deutsche Lyriktradition von den Romantikern bis herauf zu Ingeborg Bachmann für aus dem Geiste des Punk geschöpften Pop urbar zu machen, scheuen auch auf ihrem vierten Album, Testament der Angst, nicht davor zurück, dem zornig-naiven Gestus eines jungen Bob Dylan, der im Übrigen auf dem Innencover abgebildet ist, neues Leben einzuhauchen. Allerdings beschränkt sich dieser Ansatz wie im zitierten Song Die Diktatur der Angepassten nicht nur darauf, über druckvollen Indierock-Gitarren auch textlich ordentlich Dampf abzulassen. Mit einer selten gehörten Todesverachtung für eventuelle Peinlichkeiten setzen Blumfeld auch abseits von Parolenhaftigkeit angesiedelte, persönliche Kontrapunkte, die die erwähnte Unterwanderungstechnik einmal mehr zu gültigen Statements verdichten.

Blumfeld wissen darum, dass diese angestrebte Subversion in der gesellschaftlich längst allgemein gültigen Popkultur nur unter der Tarnkappe funktionaler Schönheit zu bewerkstelligen ist. Wenn Blumfeld etwa in Graue Wolken einem in den 80er-Jahren von Prefab Sprout geprägten plakativ-romantischem Ansatz nahe kommen und das scheußlich-schönste Saxophonsolo seit Tina Turner erklingt, ist man doch immer versichert, dass hier ein doppelter Boden eingezogen ist: "Dann steh ich auf und gehe unter Menschen und frage mich: Was kann ich tun? Ich will sie hassen und kann's nicht lassen, in allem, was sie ausmacht, auch ein Stück von mir zu sehen . . ."

Nach Old Nobody aus 1999 wieder eine Arbeit, die uns noch lange inhaltlich beschäftigen wird. Wir alle mögen in dieser Welt einsam sein. Allein sind wir nicht. Und Bob Dylan sah, dass es gut war.

(DER STANDARD)

Christian Schachinger
  • Artikelbild
    blumfeld.de
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