Terror der Zukunft: "Radiologischer Anschlag"

29. Mai 2001, 10:45
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Experten fürchten Kombiwaffen aus Sprengstoff und nicht bombenfähigem radioaktivem Material

Salzburg/Wien - "Beim Missbrauch radioaktiven Materials durch Terroristen sind die oft gefürchteten Bomben zur Massenzerstörung (,mass destruction') viel weniger wahrscheinlich als Waffen zur Massenverstörung (,mass disruption')", erklärt Physiker Friedrich Steinhäusler (Uni Salzburg) dem STANDARD: "Das wäre ein ,radiologischer Anschlag', bei dem radioaktives Material mit herkömmlichem Sprengstoff kombiniert und bei der Explosion weit verteilt wird. Wäre so etwas bei der Bombe im World Trade Center verwendet worden, hätte es ganz Lower Manhatten radioaktiv verseucht."

Um die Gefahr abzuschätzen, hat Steinhäusler für die Stanford University die Situation "unkontrollierten radioaktiven Materials" analysiert und bei einer Tagung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) in Stockholm vorgestellt, deren Ergebnisse am Dienstag in Wien publiziert werden. Das reicht beim Material von geschmuggeltem Uran bis zu Strahlenquellen aus Hospitälern und bei den Ländern von Bangladesch bis Österreich. "Bei der Kontrolle an Grenzen oder Häfen gibt es zum Teil erhebliche Mängel", kann Steinhäusler nur generell berichten, da den Ländern Vertraulichkeit zugesichert wurde.

"An Österreichs Grenzen gibt es überhaupt keine Kontrolle", erklärt hingegen Klaus Duftschmidt, der bei der IAEO für "unkontrollierten Atomtransport" zuständig war und heute noch am besten mit der Materie vertraut ist: "Vor allem bei den Strahlenquellen steigen die Zahlen stark."

Verstrahlter Schrott

Strahlenquellen gibt es in Hospitälern und der Industrie. Ihr Kobalt und Cäsium sind nicht bombenfähig, machen aber zunächst Probleme beim Schrottverwerten: "Es gibt 2300 Berichte über radioaktiv verstrahlten Schrott", bilanziert Duftschmidt, "in 50 Fällen hat das Stahlschmelzen kontaminiert." In der Folge mussten etwa in Taiwan neue Hochhäuser mit strahlendem Baustahl abgerissen werden, in den USA fielen strahlende Restaurantsessel auf.

Quellen gibt es viele, sie gehen oft verloren oder werden illegal entsorgt - oder gestohlen: Beim schwersten Unfall, 1987 in Goiana in Brasilien, starben fünf Menschen, ganze Stadtviertel waren verstrahlt. Diebe hatten die Quelle aus einem Spital geholt und ihren Bleimantel verkauft. Den Inhalt - er leuchtete blau - hatten Kinder auf einer Müllkippe gefunden und mit nach Hause genommen.

"Seitdem hat sich die Kontrolle in Brasilien stark verbessert", erklärt Steinhäusler, der nicht nur die Grenzkontrollen analysiert hat, sondern auch den Überblick der Staaten über die Vorgänge im eigenen Land: "Die USA, denen man ja keine schlechte Administration vorwerfen kann, verlieren im Jahr die Kontrolle über 200 Quellen" - laut Umweltbehörde EPA sind in den USA insgesamt 30.000 Quellen verschwunden und werden in eigenen "Waisen"-Programmen gesucht.

"Viel größere Sorgen" machen Steinhäusler allerdings die Entwicklungsländer - die Zahl ihrer Quellen wird von Zehntausenden aufwärts geschätzt bis zu Millionen -, die kein Geld und ein geringes Gefährdungsbewusstsein haben.

Auch nicht für die potenzielle neue Waffe für den radiologischen Anschlag, die "Radiation Dispersive Device" (RDD). Zum Einsatz kam sie - soweit bekannt - noch nie. Aber zumindest einmal wurde damit gedroht: Tschetschenen hatten in einem Park in Moskau Cäsiumquellen vergraben und dann Polizei und Presse alarmiert, um vorzuzeigen, dass sie zum Bau der Kombiwaffe in der Lage wären. (DER STANDARD, Print-Ausgabe 29. 5. 2001)

Von Jürgen Langenbach

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