Embryonen-Streit in Deutschland

28. Mai 2001, 21:55
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CDU lässt ihre Haltung zu Tests offen

Berlin - Innerhalb der Unions-Parteien gibt es weiter keine einheitliche Haltung zu den umstrittenen Gentests an Embryonen. Im Gegensatz zum strikten Nein der CSU legte die CDU-Spitze am Montag in Berlin keine verbindliche Linie fest. Auch die Unions-Fraktion folgte dem und will wie die Partei noch über die Frage diskutieren. Nach einer Sondersitzung sagte Fraktionschef Friedrich Merz am Abend, die Abgeordneten wollten sich Zeit lassen. Die Union sei "wie keine andere Partei zu einer sehr sorgfältigen und von unseren Werten geleiteten Diskussion verpflichtet".

Zuvor hatten nach einer kontroversen Debatte Präsidium und Vorstand der Bundes-CDU zunächst eine Entscheidung über die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) verschoben, die in Deutschland bisher nicht zugelassen ist. Dabei werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten untersucht, bevor sie in den Mutterleib eingepflanzt werden.

"Vorstufe zur Selektion"

Damit wird in der CDU voraussichtlich sowohl die Haltung vertreten werden, die die PID als "Vorstufe zur Selektion" ablehnt - aber auch die von dem stellvertretenden Parteichef und früheren Forschungsminister Jürgen Rüttgers formulierte Position, die am Montag sowohl im CDU-Vorstand als auch in der Fraktion zur Diskussion stand. Diese akzeptiert die PID in ganz engen Grenzen, um Eltern von im Reagenzglas erzeugten Embryonen, bei denen Erberkrankungen drohen, eine Entscheidung für ein Kind zu erleichtern. Parteichefin Angela Merkel und auch Fraktionschef Friedrich Merz erklärten bereits, die Abgeordneten könnten nach ihrem Gewissen abstimmen, wenn es denn später zu einer Abstimmung im Parlament kommen sollte.

Die SPD verhielt sich in der Debatte unterdessen weiter abwartend. Nach einer Sitzung des SPD-Präsidiums sagte auch Generalsekretär Franz Müntefering, die Entscheidung über dieses sensible Thema sei "in hohem Maße eine Gewissensentscheidung".

In München lehnte die CSU ähnlich wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU), Unions-Fraktionschef Friedrich Merz (CDU) und Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) die Zulassung dieser in Deutschland bisher nicht erlaubten Methode ab. Die PID könne den gesellschaftlichen Druck auf Eltern erhöhen, die sich für das Leben eines behinderten Kindes entscheiden, sagte der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber in München.

"Unbarmherzig"

Rüttgers verteidigte erneut seine Position und sagte, es sei "unbarmherzig", eine Mutter zu zwingen, einen Embryo zunächst auszutragen, von dem sie wisse, dass dieser mit einer schweren Erbkrankheit belastet sein könne. CDU-Chefin Angela Merkel ließ erkennen, sie persönlich würde der Haltung von Rüttgers folgen..

Die Parteivorsitzende beurteilte die fünfstündige Diskussion in den Spitzengremien nicht als Streit, sondern als "das Ringen um den richtigen Weg". Die Parteispitze war darin einig, dass "jeder menschliche Embryo von Anfang an, seit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ein menschliches Wesen sei und damit unter dem Schutz der Menschenwürde steht". Von dieser Grundposition aus lehnte der Parteivorstand das therapeutische Klonen ab, das in Großbritannien unter Einschränkung bereits möglich ist. Dabei werden Embryonen produziert und ihnen die Stammzellen entnommen, um daraus Gewebe oder vielleicht eines Tages ganze Organe zu züchten. (APA/dpa)

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