Polen: Präsident Kwasniewski will sich für Massaker von Jedwabne entschuldigen

28. Mai 2001, 13:32
posten

Israels Botschafter nennt Bußgebet polnischer Bischöfe guten Anfang

Warschau - Nach dem Bußgebet der polnischen Bischöfe mit der Bitte um Vergebung für das Pogrom an den jüdischen Einwohnern der ostpolnischen Kleinstadt Jedwabne erwartet der israelische Botschafter in Polen "positive Effekte". Wenn eine so wichtige und einflussreiche Gruppe wie der polnische Episkopat eine Erklärung verabschiede, in der der Antisemitismus als Sünde gebrandmarkt und Gott um Vergebung für die Beteiligung polnische Katholiken gebeten werde, "dann fühle ich, das ist für alle die gute Richtung", sagte Schewach Weiss, der selber aus Ostpolen stammt und als Kind im Versteck einer polnischen und einer ukrainischen Familie den Holocaust überlebte, am Montag im polnischen Rundfunk.

Die polnischen Bischöfe hatten am Sonntagabend in Warschau in einem Gottesdienst ihr Bedauern über die Ermordung der bis zu 1.600 Juden aus Jedwabne ausgedrückt. Die Verfolgung der Juden von Jedwabne war in Polen jahrzehntelang dem Nazi-Regime zugeschrieben worden. Im Vorjahr hatte der in den USA lebende Historiker Jan Tomasz Gross das Buch "Nachbarn" veröffentlicht, in dem er unter Berufung auf Augenzeugen berichtete, die Juden von Jedwabne seien von ihren christlichen Mitbürgern auf dem Marktplatz zusammengetrieben, misshandelt und in einer Scheune bei lebendigem Leib verbrannt worden. Die deutschen Besatzer dagegen hätten in diesem Fall nur die Rolle von Zuschauern gespielt.

Bischof Tadeusz Pieronek, der Sekretär der polnischen Bischofskonferenz, hob in einem Gespräch mit den Rundfunksender "Radio Zet" am Montag hervor, das Bußgebet habe vor allem symbolische und erzieherische Bedeutung gehabt, um die Polen auf das hinzuweisen, "was sich in Jedwabne und an anderen Orten ereignet hat, wo völlig unschuldige Menschen durch die Hand von Polen starben."

Die Abwesenheit einiger seiner Amtsbrüder habe ihn überrascht, gab Pieronek zu. An dem Gebet hatte nur knapp die Hälfte der 120 Bischöfe Polens teilgenommen. Wenig überrascht zeigte sich Pieronek dagegen über die für polnische Verhältnisse geringe Zahl der Gottesdienstbesucher. "Das ist ein Weg, den man konsequent gehen muss, unabhängig davon, ob 100.000 oder zehn Menschen kommen, weil es der richtige Weg ist", sagte er zur Auseinandersetzung auch mit den dunklen Kapiteln der polnischen Geschichte. Nichts könne das Verbrechen von Jedwabne rechtfertigen, ein Verbrechen, das von "gläubigen Menschen" begangen worden sei.

Im Juli will sich Staatspräsident Aleksander Kwasniewski während der Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Pogroms im Namen Polens bei der jüdischen Bevölkerung für das Verbrechen entschuldigen. (APA/dpa)

Share if you care.