Der "Theaterwüstling" wird 60

28. Mai 2001, 19:21
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Regisseur Hans Neuenfels als Jubilar - Rebellion und Provokation bis zur Entlassung

Berlin/Wien - Er wird gern als "Theaterwüstling" bezeichnet. Die radikalen Interpretationen des deutschen Regisseurs Hans Neuenfels, der unter dem Oberflächenbild und der realen Handlung Subtext und tiefenpsychologische Schichten sichtbar macht, haben immer wieder das Theater-, Opern- und Kinopublikum provoziert und gespalten. Am Donnerstag, den 31. Mai, feiert Neuenfels seinen 60. Geburtstag.

Der Ex-Sekretär von Max Ernst und sein "geistiger Vater"

Neuenfels fühlt sich "Extremsehern" wie Kleist und Musil - mit denen er sich auch in mehreren Filmen auseinandersetzte - wie Genet und Strindberg verwandt. Seine Bilderstürmer-Visionen mögen aus einer prägenden Jugenderfahrung herrühren. Er arbeitete einige Zeit als Sekretär des surrealistischen Malers Max Ernst, den er als seinen "geistigen Vater" sieht. In Krefeld als Sohn eines Oberregierungsrats geboren, fand der junge Mann früh den Weg zur Kunst. Seinen ersten Lyrikband "Ovar und Opium" veröffentlichte er mit 18 Jahren.

Rebellion und Provokation bis zur Entlassung

Nach dem Studium an der Folkwangschule Essen und am Max-Reinhardt-Seminar in Wien legte Neuenfels 1964 am Wiener Theater am Naschmarkt seiner erste Regiearbeit vor und zog anschließend als Chefdramaturg nach Trier. Unter dem Einfluss des amerikanischen "Living Theatre" brachte er "Happenings" auf die Bühne und hatte damit schnell den Ruf des "Provokateurs" und "Rebellen". Als er für einen Lyrikabend mit Sprüchen wie "Helfen Sie mir den Trierer Dom abzureißen" oder "Warum schänden Sie nicht auch kleine Mädchen?" warb, wurde er fristlos entlassen.

Zuletzt brüskierte er Claudio Abbado bei den Salburger Festspielen

Sein Debüt als Opernregisseur gab Neuenfels 1974 in Nürnberg mit dem "Troubadour" von Verdi, dessen Musik er auch in der Folge immer wieder in kraftvolle Bilder umsetzte. Sein Ansatz, den gesellschaftlichen Hintergrund der Musik bis in die Gegenwart zu verlängern, sorgte immer wieder für heftige Proteste, nicht nur des Publikums. Bei den vergangenen Salzburger Festspielen etwa brüskierte Neuenfels' Sicht auf Mozarts "Cosi fan tutte" Claudio Abbado derart, dass dieser das Dirigat zurücklegte. (APA/dpa)

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