"Fiat-Lux"-Chefin Uriella geht vor Schweizer Bundesgericht

28. Mai 2001, 12:55
posten

Den Gerichtsbeschluss, fünf Millionen Schilling zurückzuzahlen, ficht sie an

Trogen - "Fiat-Lux"-Oberhaupt Uriella (72) will nicht zahlen: Die Sektenchefin zieht das Urteil des Ausserrhoder Obergerichts, das sie zur Rückzahlung von 625.000 Franken (409.246 Euro/5,63 Mill. S) an ein ehemaliges Sektenmitglied verpflichtet, ans Bundesgericht weiter. Dies erklärte Uriellas Gatte Eberhard Eike alias Icordo am Montag auf Anfrage. Wenn nötig werde man auch einen Gang an den Europäischen Gerichtshof prüfen. Das Urteil des Ausserrhoder Obergerichts sei "bitter", sagte Icordo, der seine Gattin in Trogen vor Gericht vertreten hatte.

Laut dem Urteil muss Uriella alias Erika Bertschinger der 60-jährigen Klägerin aus dem Kanton Zürich sieben Darlehen von insgesamt 625.000 Franken plus Zinsen zurückzahlen. Das Obergericht wies Uriellas Beschwerde ab und bestätigte ein Urteil des Ausserrhoder Kantonsgerichts vom April 2000.

16 Jahre Mitglied

Die Klägerin hatte dem Orden "Fiat Lux" 16 Jahre lang angehört. Zwischen 1994 und 1996 gewährte sie Uriella sieben Darlehen mit langjähriger Laufzeit. Nach ihrem Austritt aus der Sekte im Jahr 1997 forderte die Frau das Geld zurück. Uriella weigerte sich aber zu zahlen.

Die Ausserrhoder Justiz gab der Klägerin Recht: Sie könne aus "wichtigem Grund" eine sofortige Rückzahlung der Darlehen verlangen, stellten das Kantons- und das Obergericht fest. Nach dem Austritt der Klägerin aus Uriellas Sekte habe nämlich die gegenseitige Vertrauensbasis gefehlt.

Zieht Uriella den Fall nach Lausanne weiter, ist eine Anschlussberufung der Klägerin wahrscheinlich, wie ihre Anwältin gegenüber der Nachrichtenagentur sda erklärte. Das Bundesgericht könnte dann die Frage prüfen, ob die Darlehensgeberin unter dem starkem Einfluss der Sekte überhaupt noch urteilsfähig war.

Grundsatzfrage

Sektenfachleute und Juristen sehen darin eine interessante Grundsatzfrage. Die Ausserrhoder Gerichte klammerten die Frage der

Urteilsfähigkeit bei ihren Urteilen aus. Anträge der Klägerin, die Darlehensverträge seien wegen Urteilsunfähigkeit für ungültig zu erklären, wurden abgelehnt.

Ihre Anwältin argumentierte vor Obergericht, die Frau habe unter dem ausgeklügelten Psychoterror der Sekte schwer gelitten. Sie sei wegen Indoktrination, psychischem Druck und Krankheit nicht mehr urteilsfähig gewesen, als sie Uriella die Darlehen gewährte. Im Fall von "Fiat Lux" bestehe staatlicher Handlungsbedarf.

Angst und Schrecken durch falsche Krebsdiagnosen

Uriella hatte bei der Klägerin und deren Kindern Krebs und Leukämie festgestellt - "Diagnosen", die medizinisch nicht bestätigt wurden. Uriella soll die Klägerin in Angst und Schrecken versetzt und ihr suggeriert haben, wenn sie Gott gefällig lebe, würden sie und ihre Kinder gesund.

Uriella erklärte sich zwar bereit, der Klägerin die 625.000 Franken zurückzubezahlen - allerdings erst nach einer Frist von 15 Jahren. Stets wies Icordo die Vorwürfe gegen Uriella und die Sekte vehement zurück. Dem Orden "Fiat Lux" gehören rund 700 Personen in der Schweiz, Deutschland und Österreich an. (APA/sda)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Uriella und ihr Gatte beim Geldverdienen

Share if you care.