Droht der Welt eine Grippe-Pandemie?

28. Mai 2001, 12:27
posten

Virologe Franz Xaver Heinz über Gegenstrategien

In Hongkong werden aus Angst vor einem neuen Grippevirus Millionen Hühner vernichtet. Droht der Welt eine Grippe-Pandemie, die möglicherweise Millionen Menschenleben fordern könnte? mymed.cc sprach mit dem Virologen Univ.-Prof. Franz Xaver Heinz über die Grippe und die Strategien, mit denen die Menschheit diesem gefährlichen Virus heute begegnen kann.

Das Interview führte Reno Barth

mymed: Herr Professor, in Hongkong werden derzeit Millionen Hühner getötet und verbrannt. Die Behörden wollen damit die Ausbreitung eines Grippe-Virus verhindern. Müssen wir uns Sorgen machen?

Prof. Heinz: Nein, Vogelgrippe ist etwas völlig normales. Die Tiere sterben daran und die Schäden können für die Hühnerzüchter katastrophal sein. Die Viren, die beim Menschen Grippe verursachen, sind andere Stämme als bei den Vögeln, weshalb solche Epidemien im allgemeinen für den Menschen ungefährlich sind. Allerdings grassierte 1997 in Hongkong ein ähnlicher Erreger der Hühnergrippe. Und damals sind zum ersten Mal auch Menschen erkrankt und gestorben. Warum es dazu gekommen ist, wissen wir bis heute nicht. Doch es hat sich damals auch gezeigt, dass dieser Erreger zwar vom Huhn auf den Menschen übertragbar ist, dann aber nicht mehr von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann. Deshalb ist die befürchtete Epidemie ausgeblieben. Dennoch will man jetzt natürlich ganz sicher gehen, dass sich dergleichen nicht wiederholt.

mymed: Wenn die Hühnergrippe nicht auf den Menschen übertragen werden kann, welche Rolle spielen dann Vögel bei der Entstehung neuer, gefährlicher Virus-Stämme?

Prof. Heinz: Wilde Vögel sind das größte Reservoir für Grippeviren. Die Viren leben in vielen Arten von Wasservögeln wie Wildenten oder Gänsen und werden mit dem Vogelkot ausgeschieden. Diese Viren sind so gut an Wildvögel adaptiert, dass diese nicht erkranken. Bei domestizierten Zuchtvögeln wie Hühnern verhält sich das anders. Wenn sie mit diesen Viren in Kontakt kommen, werden sie krank.

mymed: Und was hat das mit den Menschen zu tun?

Prof. Heinz: Das Bindeglied zwischen der Vogel- und der Säugetiergrippe dürfte das Schwein sein. Schweine können durch die gleichen Virus-Stämme erkranken wie Menschen. Gleichzeitig können Schweine aber auch die Vogelgrippe bekommen. Man nimmt an, dass es, wenn ein Schwein gleichzeitig an Menschen- und Vogelgrippe erkrankt, zu einem Austausch der genetischen Information zwischen den beiden verschiedenen Viren-Stämmen kommen kann. Und so entsteht dann ein neues Virus, auf das das Immunsystem der Menschen noch nicht vorbereitet ist.

mymed: Und was hat das für Folgen?

Prof. Heinz: So entstehen die großen Grippe-Pandemien. Wir gehen davon aus, dass diese weltweiten Grippe-Schübe in Ostasien ihren Ursprung haben. Dort gibt es viele Wasservögel, Reisfelder mit einem hohen Anteil an Vogelkot und Schweine, die auf recht engem Raum mit Menschen leben. Die drei großen Grippe-Pandemien dieses Jahrhunderts haben dort ihren Ursprung genommen. Das waren 1918 die Spanische Grippe, 1957 die Asiatische Grippe und 1968 die Hongkong Grippe. Die Folgen können verheerend sein. Die Spanische Grippe hat nach Schätzungen weltweit 20 bis 40 Millionen Todesopfer gefordert.

mymed: Könnte es wieder zu einer derartigen Katastrophe kommen?

Prof. Heinz: Ganz so schlimm würde es vermutlich nicht werden, aber die Gefahr einer neuen Pandemie, die viele Todesopfer fordert, besteht jederzeit. Was die spanische Grippe damals so gefährlich gemacht hat, wissen wir nicht. Es wurden zwar tiefgefrorene Proben dieses Virus unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen gründlich untersucht, doch ist bis heute unklar, wo diese tödliche Wirkung herkam.

mymed: Warum glauben Sie dann, dass es nicht noch einmal so schlimm kommen könnte?

Prof. Heinz: Die spanische Grippe hat die Welt in mehreren Wellen heimgesucht. Es gibt heute ein weltweites Überwachungssystem der WHO. Wenn irgendwo ein neues Grippevirus auftaucht, kann sofort mit der Entwicklung und Produktion eines Impfstoffs begonnen werden. Das dauert in der Regel einige Monate, so dass wir einer ersten Infektionswelle vermutlich schutzlos ausgeliefert wären, gegen weitere Wellen aber bereits einen wirksamen Impfstoff hätten. Außerdem gibt es seit kurzem eine neue Klasse von Medikamenten, die sogenannten Neuramindase-Hemmer, die die Vermehrung des Grippe-Virus im menschlichen Körper zumindest erschweren. Werden diese Medikamente rechtzeitig eingenommen, verläuft die Grippe leichter.

mymed: Und stünden im Ernstfall ausreichende Mengen dieser Medikamente zur Verfügung?

Prof. Heinz: Sicher nicht in allen Gegenden der Welt. Für diesen Ernstfall braucht man einen Katastrophenplan und die entsprechenden Lager. Für Österreich wird ein derartiger Plan gerade erarbeitet.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch.



Die Rubrik "Das Interview der Woche" bringen wir in Zusammenarbeit mit unserem Partner

  • Artikelbild
    foto: simmonis
Share if you care.