Frankreich rätselt über den Raketenschild

28. Mai 2001, 10:18
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Paris führt Skeptiker der "missile defence" an

Paris/Wien - "Richtige Aufklärung" versprach US-Präsident George W. Bush den Verbündeten in seiner ersten Rede über die Wende der amerikanischen Militärstrategie am 1. Mai. Das Team um den US-Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz, das wenig später auch in Paris landete, hinterließ jedenfalls keinen sonderlich starken Eindruck.

"Da gab es überhaupt nichts Neues", sagte ein hoher Beamter des französischen Verteidigungsministeriums gegenüber dem STANDARD. Die Amerikaner hätten nur die Rede von Bush wiederholt, und die habe ja auch nichts enthalten außer der politischen Bekräftigung, dieses Abwehrsystem zu bauen. "Wir sind immer noch dabei zu ergründen, von welcher Art von Bedrohung sie überhaupt sprechen und von welchen Abwehrsystemen - nationalen, globalen, regionalen?"

Während Großbritannien auf die Zusammenarbeit mit der Bush-Regierung bei der Raketenabwehr setzt - nicht zuletzt, weil eine US-Satellitenstation in England in die Planspiele einbezogen ist -, führt Frankreich die Skeptiker in Europa an.

Aus französischer Sicht ist der geplante Raketenschild eine irrationale Unternehmung und deshalb auch militärisch unglaubwürdig. Nicht anders lautet die Schlussfolgerung eines Untersuchungsberichts, den der Verteidigungsausschuss des französischen Parlaments unter ihrem Vorsitzenden Paul Quilès, einem früheren Verteidigungsminister unter Mitterrand, Ende März vorstellte.

Seit vierzig Jahren habe noch jeder US-Präsident seinen Namen mit einem System zur Raketenabwehr verbunden, erinnert Quilès: Kennedy mit "Nike-Zeus", Johnson mit "Sentinel", Nixon mit "Safeguard", Reagan mit SDI, Bush senior mit GPALS, Clinton schließlich begann mit NMD. Die Idee der Raketenabwehr sei in erster Linie ein ideologisches Projekt, erklärt Quilès, ein Produkt der amerikanischen Mentalität und des Mythus der Unverwundbarkeit der USA.

Absprache in Europa

Die Europäer sollten endlich untereinander über die US-Raketenabwehr sprechen, heißt es aus dem Pariser Verteidigungsministerium. Dann würden sie nämlich erkennen, dass sie alle im Grunde nicht einverstanden sind mit den Raketenplänen und bislang nur nicht wagten, den Amerikanern Nein zu sagen. Und die industrielle Beteiligung am US-Raketenschild? "Null", heißt es in Paris, "wie schon zu Zeiten von SDI". (mab) (DER STANDARD, Printausgabe, 28.5.2001)

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