Oldham: Britische Polizei greift durch

28. Mai 2001, 15:16
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Erneut Zusammenstöße zwischen weißen und asiatischen Jugendlichen - Blair: Kein Anzeichen für ethnischen Konflikt

London - In der zweiten Nacht in Folge ist es in der nordenglischen Stadt Oldham von Sonntag auf Montag zu Zusammenstößen zwischen weißen Jugendlichen und Einwohnern pakistanischer und indischer Abstammung gekommen. Nach den Unruhen in der Nacht zuvor verhinderte jedoch eine starke Polizeipräsenz eine Wiederholung der schweren Ausschreitungen, bei denen mindestens 20 Menschen verletzt wurden. Die Polizei berichtete von einem Dutzend Festnahmen. Rund 100 Beamte in Kampfanzügen riegelten die Hauptstraßen ab und patrouillierten durch den Ort. Ein Polizeihubschrauber kreiste über Oldham. Wegen der starken Polizeipräsenz kam es nur vereinzelt zu Ausschreitungen weißer und asiatischer Jugendlicher.

Am Sonntagabend zogen am Schauplatz der Krawalle vom Vorabend rund 200 Personen, vor allem junge Männer pakistanischer, indischer und bangladeschischer Herkunft, auf. Als es dunkel wurde, löste sich die Gruppe jedoch langsam auf. 30 bis 40 jugendliche Pakistaner und Inder griffen allerdings eine Gaststätte mit Steinen an. Auch Gruppen weißer Jugendlicher warfen Fensterscheiben mit Steinen ein. Sie zogen außerdem Gaststätte zu Gaststätte und sangen rassistische Lieder. Die Polizei trieb die Gruppen auseinander, die auch eine Zeitungsredaktion mit Brandsätzen bewarfen und eine Barrikade niederbrannten.

Angesichts der Krawalle, bei denen sich am Vortag hundert Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei geliefert hatten, riefen Politiker zu mehr Toleranz auf. Die Labour-Regierung appellierte an alle Politiker, auch im Wahlkampf Aussagen zu vermeiden, die Spannungen zwischen der britischstämmigen Bevölkerung und ethnischen Minderheiten verschärfen könnten. Gut eine Woche vor den Unterhauswahlen warf Liberaldemokrat Simon Hughes den Konservativen um Parteichef William Hague jedoch vor, die Unruhen mit ihren Äußerungen zur Asylpolitik angeschürt zu haben. Hague wies die Vorwürfe zurück und erklärte, die Asyldiskussion habe damit nicht zu tun.

Keine Anzeichen

Der britische Premierminister Tony Blair vertrat die Ansicht, dass die schweren Rassenunruhen in der nordenglischen Stadt trotzdem kein Anzeichen für schwelende ethnische Konflikte in ganz Großbritannien seien. Die Spannungen spiegelten nicht das Verhältnis von Briten und Minderheiten wieder, erklärte er auf einer Wahlkampftour in Nordostengland. Ein Großteil der Menschen wolle in Frieden zusammen leben.

Umweltminister Michael Meacher, der sich in Oldham um ein Mandat bei den Parlamentswahlen im Juni bewirbt, warf der rechtsradikalen National Front vor, die Gewalt angeheizt zu haben. "Das ist ein sehr ernster Vorfall", sagte Meacher in der BBC. Die Unruhen seien durch zwei Vorfälle in der vergangenen Woche ausgelöst worden. Meacher verwies dabei auf eine Prügelei zwischen Einwandererkindern und weißen Schülern und auf die Festnahme eines weißen Jugendlichen mit bekanntermaßen rassistischer Gesinnung. Danach sei es zu einem Angriff auf ein pakistanisches Geschäft und einen Übergriff auf eine Pakistanerin gekommen.

Etwa fünf Prozent der 57 Millionen Einwohner Großbritanniens gehören ethnischen Minderheiten an. Die meisten stammen aus karibischen Staaten, dem indischen Subkontinent, Afrika und China. Unterdessen fand in Oldham ein Festival mit dem mittlerweile unpassenden Namen "Mayhem" (in etwa: "Am Rande des Mai", aber auch: "Verwüstung") statt. Auf der Hauptstraße des Ortes wurden Musik und Theater geboten, wie die britische Inlands-Nachrichtenagentur PA berichtete. (APA/AP/Reuters)

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