Libanon, "ein junger Mann in Rehabilitation"

27. Mai 2001, 20:50
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Rafik Hariri, Großunternehmer, war bereits von 1992 bis '98 Ministerpräsident des Libanon, nach den Wahlen im vorigen Herbst feierte er sein großes Comeback

Sein Bauimperium Solid`ere, das sich dem Aufbau des Libanon nach dem Bürgerkrieg verschrieben hat, gilt als Barometer für die wirtschaftliche Gesundheit: Groß war deshalb die Bestürzung vor zwei Wochen, als Solid`ere für 2000 einen Verlust von 31,8 Millionen Dollar bekannt gab - zum Vergleich: 1997 war es ein Gewinn von mehr als doppelt so viel gewesen.

Dazwischen liegen zwei Jahre, in denen Selim Hoss Regierungschef war, und Rafik Hariri benennt im Gespräch diesen zumindest indirekt als Schuldigen für die schwierige wirtschaftliche Situation, die sich unter anderem in einer hohen Arbeitslosenrate und Staatsschulden von 25 Milliarden Dollar manifestiert: Ab 1999 (im Dezember 1998 wurde Hoss Premier) rutschte alles ab, genauso schnell, wie sich das Land jetzt nach seiner, Hariris, Rückkehr erhole. Heute weisen alle wirtschaftlichen Indikatoren nach oben, von (unter Hoss reduzierten: deshalb das Solid`ere-Desaster) Bauerlaub- nissen über Investitionen bis zur Handelsbilanz.

"Der Libanon ist ein junger Mann, der nach einem schweren Unfall lange im Spital gelegen ist, sich aber jetzt bereits in Rehabilitation befindet." Die "Ausrede" von der regionalen Instabilität, die einen Aufschwung unmöglich mache, will Hariri nicht gelten lassen: Alle Länder in der Region seien davon betroffen.

Ein besonderes infrastrukturelles Entwicklungsprogramm kündigt Hariri für die bis vor einem Jahr von der israelischen Armee besetzte Zone im Süden des Landes an. Ob dazu nicht auch gehöre, dass man mit der Entsendung der libanesischen Armee den Menschen dort endlich ein Gefühl der Sicherheit vermittle (siehe erste Folge der Serie)? "Die Armee zu senden oder nicht zu senden, darum geht es doch nicht", entgegnet Hariri. "Israel hat die stärkste Armee im Nahen Osten, und sie kann den Leuten keine Sicherheit bieten." Gut pariert, aber, Herr Ministerpräsident, ist es denn nicht so, dass die meisten Leute im Süden (und im übrigen Libanon) die Armee nicht so sehr als Schutz vor den Israelis haben wollen, sondern damit sie die Hisbollah ruhig hält, die mit ihren Angriffen auf Israel Reaktionen provoziert? Milde Strenge vonseiten Hariris: "Das Risiko kommt von Israel und nicht vom Widerstand."

"Widerstand"

Widerstand. Während der Frage, ob denn nicht der Libanon offiziell die UNO-Entscheidung akzeptiert hatte, die besagt, dass Israel vor einem Jahr einen kompletten Abzug aus dem Libanon getätigt hat - was ja den "Widerstand" hinfällig machen würde -, ist ein schweres Seufzen zu hören. Dann sekundenlange Stille. "Wir wollen gute Beziehungen zur UNO. Das heißt nicht, dass wir mit allem übereinstimmen, was die UNO sagt." Das war's dann.

Gleich zum nächsten heißen Eisen: Zu fragen, wann Syrien den Vertrag von Taif (der den Bürgerkrieg beendete) erfüllen und den Libanon verlassen wird, hat wohl keinen Sinn, der "Widerstand" steht dazwischen. Aber zuletzt hat Syriens Verteidigungsminister Mustafa Tlass eine ziemliche Breitseite gegen den maronitischen Patriarchen Boutros Sfeir, der den syrischen Abzug immer wieder thematisiert, gefeuert. Tlass warf dem Patriarchen öffentlich vor, sich 1983 im Bürgerkrieg via Vatikan um eine militärische israelische Intervention zugunsten der Christen gegen die Drusen bemüht zu haben. Hochverrat also, was sagt der Premier dazu?

"Ich will das nicht kommentieren - außer dass viele Leute hier im Libanon die Meinung von Tlass nicht teilen. Sfeir und ich haben zu diesem Thema verschiedene Ansichten, aber ich respektiere ihn zutiefst." Außerdem: Die Syrien-Debatte sei keine konfessionelle, "die Mehrheit der Libanesen" wolle die Syrer im Lande behalten, und zwar Christen und Muslime, so wie manche Christen und Muslime eben dagegen seien. (DER STANDARD, Print, 28.5.2001)

Von Gudrun Harrer
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