Deutschland: Gretchenfrage Gentechnik

27. Mai 2001, 20:11
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Die Gentechnologie spaltet derzeit die Spitze des Staates in Deutschland, das rot-grüne Kabinett und die einzelnen Parteien. Schließlich geht es um so Grundsätzliches wie die Frage, wann menschliches Leben beginnt und ob Selektion von Menschen ermöglicht wird. Der bisherige Verlauf der Debatte zeigt, dass wie bei keinem anderen Thema zuvor Grenzen überschritten und neue Allianzen gebildet werden: Während Bundeskanzler Gerhard Schröder argumentiert, bei dieser Zukunftstechnologie gehe es auch um Arbeitsplätze, kontert der sonst so auf Ausgleich bedachte Bundespräsident Johannes Rau: "Was ethisch unvertretbar ist, wird nicht dadurch zulässig, dass es wirtschaftlichen Nutzen bringt." Schröder vertritt damit einen Standpunkt, der der Parteilinie der FDP entspricht.

Die Grünen verfolgen dagegen einen ethisch-fundamentalistischen Kurs, der dicht an der Position der katholischen Kirche ist. Auch die Haltung der sozialdemokratischen Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, für die das menschliche Leben bereits mit der "Verschmelzung von Samenzelle und Ei" beginnt, entspricht der Linie der Bischöfe. Ihre Parteifreundin und Kabinettskollegin Forschungsministerin Edelgard Bulmahn jedoch plädiert dafür, die Chancen der Gentechnologie zu nutzen.

Die Unionsparteien CDU und CSU haben diese Debatte bisher verschlafen, sodass als konservative Position bisher die Stimmen der Grünen und des Bundespräsidenten mit dem SPD-Parteibuch wahrgenommen wurden. Jäh aus dem Schlaf gerissen, sieht die CDU plötzlich ihre Identität als christliche Partei gefährdet. So kann ein Zukunftsthema eine Debatte über traditionelle Werte auslösen. Wie die Diskussion in Deutschland über die Gretchenfrage "Wie hältst du es mit der Gentechnik?" auch ausgeht, die Gegensätze werden bleiben, aber letztendlich wird sich die Gesellschaft - nicht nur in der Bundesrepublik - zweiteilen: in Fundamentalisten und Pragmatiker. (DER STANDARD, Print, 28.5.2001)

Alexandra Föderl-Schmid
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