Das Dach der Welt

27. Mai 2001, 21:16
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"Die geheimnisvolle Welt des Alten Tibet" - eine Ausstellung auf Schloss Schallaburg

Schloss Schallaburg - Es ist eine Reise auf das Dach der Welt, die man auf der Schallaburg antritt, und zugleich in eine unwiederbringliche Vergangenheit. Tibet, das höchstgelegene Land der Welt, steht zwar schon seit der Ming-Dynastie unter chinesischer Vorherrschaft, doch erst das kommunistische China setzt auch die kulturelle Assimilierung brutal durch.

Die tibetische Kultur bildet mit der Religion eine untrennbare Einheit. Der Lamaismus, eine Variante des Buddhismus, besteht seit einem halben Jahrtausend. Die Missionstätigkeit des exilierten Dalai-Lama hat zwar Tibet auf der ganzen Welt im zeitgenössischen Bewusstsein verankert, doch die Auszehrung der Substanz in seinem Land kann er nicht verhindern.

Die geheimnisvolle Welt des Alten Tibet, so der volle Titel der Ausstellung, wird es in absehbarer Zeit tatsächlich nur noch in Museen geben. Wenn man den Rundgang durch die 16 Räume beendet hat, setzt sich in der Erinnerung vor allem die Einheit von Alltagsleben, Religion und Kultur fest. Nicht die Aufnahme in den Himmel ist der Lohn eines frommen Lebens, sondern Nirwana, das Nichts, die Erlösung von allem Begehren, die Unterbrechung des Kreislaufs der Wiedergeburten.

Unter dem Mantel des Lamaismus koexistiert freilich eine Anzahl animistischer Riten. Das Welterklärungssystem beruht auf Magie. Astrologie, Rauch-, Zahlen- und Tierorakel sind Instrumente der Zukunftsprognose. Wie in Indien haben auch Yoga-Praktiken zur Beherrschung der Körperfunktionen einen herausragenden Stellenwert.

Rind und Butter

Die sesshaften Tibeter betreiben Handel und Handwerk, die reicheren sind Nomaden mit ihren Herden von Ziegen, Büffeln und Yaks. Vor allem das Yak-Rind liefert die Lebensgrundlage, Butter, und auf der kahlen, unbewaldeten Hochebene mit seinem "Dung" ergiebiges Brennmaterial. Zwei Yak-Fladen reichen für die Zubereitung einer warmen Mahlzeit.

Alle Kunst ist sakral: die Darstellungen der Gottheit selbst, hier mit Bronzegüssen vertreten, heißen "Stützen des Körpers des Buddha", die Texte und Lehrreden sind "Stützen der Rede", die Symbole "Stützen des Geistes". Mit dem Schriftzug der Litanei "Om, mani pad me Hum" sind nicht nur die Schriftrollen in den Gebetsmühlen versehen, sondern auch Steintafeln, die entlang von Pilgerwegen und in der Nähe von Klöstern aufgestellt sind.

Ein eigener Erlebnisraum ist der tibetischen Ganzheitsmedizin gewidmet. Die Ausbildung der Ärzte gleicht im Prinzip der unseren: Nach einem fünfjährigen Studium muss der künftige Arzt praktische Erfahrung sammeln, allerdings nicht im Krankenhaus, sondern an der Seite eines erfahrenen Mediziners, von dem er das überlieferte Wissen lernt über die Wirkung von Heilkräutern, über die Kraftströme und die spezifischen Druckpunkte des Körpers, über den Pulsschlag - die sechzehn Varianten, jede einer Erkrankung zugeordnet.

Gewänder, Schmuck, rituelle Gegenstände und eine Anzahl prachtvoller Thangkas (Stoffmalereien) führen in eine Welt ein, in der indische und chinesische Einflüsse sich zu einer eigenständigen Hochkultur vermengt haben.
(STANDARD-Mitarbeiter Paul Kruntorad/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 5. 2001)

"Die geheimnis-
volle Welt des Alten Tibet"

bis 28. Oktober,
reichhaltiges Begleitprogramm

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