Vorarlberg: Bauauftrag "Raupe Nimmersatt"

27. Mai 2001, 19:52
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Vom Raum zum Traum: Kids gestalten Spielplätze

Lustenau - Maimorgen im Lustenauer Parkbad. Punkt neun setzt sich der Kassier in sein "Hüsle". Noch bringt kein Badegast die glatte Wasseroberfläche in Unordnung. Der Gärtner macht sich an der Hecke zu schaffen: Was noch nicht blitz und blank ist, erhält den letzten Schliff.

Vor dem Kiosk stehen die Gartenmöbel in Reih und Glied. Im "Kinderbereich" weisen Tafeln die "liebe Mutti" auf ihre wichtigste Aufgabe hin: ihr Kind nicht ohne Badehose ins Becken zu lassen: "aus Hygienegründen". Alles soll "g'hörig" sein im öffentlichen Schwimmbad.

Der Bautrupp auf der Liegewiese, hinter rot-weiß-roten Absperrbändern und der Aufschrift "Achtung Baustelle!", passt da nicht so ganz ins Bild. 18 Mädchen und Buben aus dem benachbarten Kindergarten Brändle sind's, und sie tun, was sie sonst nicht dürfen: öffentlichen Raum gestalten. Mit Töpfen - "ganz richtige Farbe" - und Pinseln - "echt große" - machen sie sich über Steine und Holzpfähle auf dem künftigen Spielplatz her.

Der Sozialarbeiter Günter Weiskopf hilft ihnen dabei. Sein Büro für Spielräume konzipiert und realisiert Begegnungsstätten für kleine und größere Menschen: Den neuen Spielplatz im Freibad gestalten die Kleinen aus dem "Kindi" ebenso mit wie die fast Erwachsenen aus dem Gymnasium.

Bunter Wurm aus Stein

Die Farbgestaltung ist Sache der Kindergartenkids: Große Steine grenzen den Klettergarten von der Wiese ab, die Bemalung macht aus ihnen einen einzigen bunten Wurm. "Nein, wie die Raupe Nimmersatt. Die muss sich jetzt durchs Gras fressen", präzisiert Lena. Sagt es und verpasst der Raupe noch ein paar blaue Tupfen.

Oben auf der Leiter steht Lars. "Ein ganzes Leben" möchte er malen, "alles anmalen", sinniert der Knirps mit Blick hinüber auf die Achterrutschbahn: "Die auch." Eine Ebene tiefer hat Belinda ihren grünen Farbtopf in den Rundkies gegraben. "Hält besser." Durch die Kleine-Tiger-Brille blinzelnd, die Zungenspitze zwischen den Zähnen, zieht sie mit ihrem Pinsel von Säule zu Säule, malt Girlande um Girlande.

Auf allen vieren kriechen Nasrin, Senem und Harun vorbei. Am lauten "Wuff-wuff!" ist unschwer zu erkennen: "Wir sind jetzt kleine Hunde." Julia haben es eher die Faultiere angetan. Sie liegt unter dem Balancierbalken und malt "einen großen und viele kleine Striche". Falls mal Faultiere kommen und auch etwas sehen wollen.

"Erlebniswelten schaffen" nennt Günter Weiskopf das kreative Chaos. "Coole Spielplätze für coole Kids", wie es sie bald im ganzen Land geben soll. Gemeinsam mit der Initiative Sichere Gemeinden und der Vorarlberger Landesregierung hat das Büro für Spielräume zum landesweiten Wettbewerb eingeladen.

Spielplatzbetreiber dürfen ihre Projekte einreichen, Kinder ihre gezeichneten Spielträume. Statt der gewünschten Plakate schickten einige Kids große Transparente: weil die Räume oft so klein sind und die Träume dann umso größer.

(Jutta Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.05.2001)

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