"Neue Bankregeln sind verheerend"

27. Mai 2001, 19:24
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Neuordnung des Bankwesens könnte laut Wifo-Experte Finanzmärkte destabilisieren

Wien - Die neue Regelung des weltweiten Bankwesens, bekannt unter dem Begriff Basel II, kann verheerende Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben, sagt Franz Hahn, Kapitalmarktexperte des Wirtschaftsforschungsinstitutes Wifo. "Die darin vorgesehenen neuen Eigenkapitalvorschriften berücksichtigen makroökonomische Aspekte viel zu wenig."

Was dazu führe: Der ohnehin bereits "verhängsnisvolle Hang der Banken", Risikobewertungen nur sehr kurzfristig zu machen, werde durch die neue Regelung verstärkt. Das könne die Kapitalmärkte destabilisieren.

"Das ist ein gravierender Konstruktionsfehler", so Hahn. "Kurzfristige Risikobewertung, kurzfristige Optimierung und eine Tendenz zum Herdenverhalten der Banken ergeben ein Gruppenverhalten, das von einer Tendenz zur Risikounterschätzung in Konjunkturaufschwüngen und einer Risikoüberschätzung in Rezessionen bestimmt ist."

Eigenkapitalregelungen sollten garantieren, dass die Unternehmen an den Finanzmärkten vorgegebene Mindeststandards zur Sicherung ihrer Zahlungsfähigkeit nicht unter-, aber auch nicht zu sehr überschreiten, sagt Hahn. Das stabilisiere die Finanzmärkte.

Der Vorschlag von Basel II will nun das Risikomanagement der Banken an externe Beurteilungen binden. Ratingagenturen sollen das machen, aber auch intern sollen die Bankinstitute Ratings für bestimmte Unternehmen erstellen können.

Auch hier ortet der Wifo-Experte Probleme. Empirische Untersuchungen bewiesen, dass Ratings von Ratingagenturen genauso prozyklisch seien wie die "in einem hohen Ausmaß konjunkturell verzerrten Risikobewertungen der Banken".

Notenbank als bester Steuermann

Hahn sieht einen Ausweg in einer flexiblen Handhabe der Mindesteigenkapitalausstattung, und zwar durch eine obligatorische Anhebung der Mindesteigenkapitalausstattung für Banken über den vorgeschlagenen Wert von acht Prozent hinaus während des Konjunkturaufschwunges und einer entsprechenden Reduktion in Zeiten der Rezession.

Der Wifo-Experte sieht die einzelnen Notenbanken dafür prädestiniert, an dieser Schraube zu drehen. Damit könnten die Notenbanken neben dem Hebel der Zinssätze den der Eigenmittel betätigen und mit diesem positiv auf die Gesamtwirtschaft einwirken.

Im aktuellen Vorschlag sieht Hahn ähnlich wie Herbert Pichler, Syndikus der Bundeskreditsektion in der Wirtschaftskammer, auch ein Problem für kleinere und mittlere Betriebe: Für diese werde sich die Kreditvergabe verteuern, vielleicht werden Kleinkredite aus Risikogründen überhaupt nicht mehr vergeben. Von daher sei auch der Einwand von Deutschland und Österreich gekommen, nicht geratete Unternehmen hätten Nachteile bei der Kreditaufnahme.

Noch haben die einzelnen Länder im Verbund der Basel-Vorschläge eine Woche Zeit, Änderungsvorschläge einzubringen.

Ab dem Jahr 2004 soll das Regelwerk dann definitiv umgesetzt werden. Doch hier sieht der Wifo-Experte auch noch ein Personalproblem: Die Aufsichtsbehörden müssten vorher noch extrem aufrüsten und ihre Mitarbeiterzahl zumindest verdoppeln. In Österreich würde es etwa 400 hoch qualifizierte Finanztechniker brauchen. (Esther Mitterstieler, DER STANDARD, Printausgabe 28.5.2001)

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