Versöhnung mit Misstönen

27. Mai 2001, 21:18
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Polens Kardinal Glemp: Auch Juden müssten sich entschuldigen

Als sich am Sonntag die römisch-katholischen Bischöfe Polens für die Massaker entschuldigten, die 1941 polnische Katholiken an ihren jüdischen Nachbarn verübten, waren sie mehr oder weniger allein mit sich und Gott. Michael Schudrich, der Rabbiner von Warschau und Lodz, feierte zur selben Zeit in der nur wenige Hundert Meter entfernten Nozyk-Synagoge in Warschau den Beginn des Schawuot-Festes. Doch auch viele andere Juden Polens, religiöse wie nicht religiöse, blieben dem "Buß- und Versöhnungsgottesdienst" fern, und dies nicht nur deshalb, weil das Episkopat lediglich Schudrich eingeladen hatte. Vielmehr hatte Primas Józef Glemp, das Oberhaupt der Katholischen Kirche Polens, nur wenige Tage vor dem Gottesdienst erklärt: "Ich überlege mir, ob die Juden nicht anerkennen sollten, dass sie gegenüber den Polen schuldig sind, insbesondere was die Zusammenarbeit mit den Bolschewisten angeht und die Mittäterschaft bei den Deportationen nach Sibirien."

Krasser hatte Glemp das Stereotyp vom "bolschewistischen Juden" nicht bedienen können. Selbstverständlich waren unter den Opfern der Sowjets sowohl polnische Katholiken wie polnische Juden, ebenso wie unter den Tätern.

Anlass für die Bitte der Bischöfe um Vergebung war das Buch "Sasiedzi" ("Nachbarn") des in New York lehrenden polnischen Soziologen Jan Tomasz Gross. In diesem Buch schildert Gross das Pogrom von Jedwabne, bei dem die eine Hälfte der Bevölkerung über die andere herfiel und sie erschlug, erstach und bei lebendigem Leibe verbrannte. Insgesamt wurden bei diesem Massaker 1600 Juden umgebracht. Die deutschen Besatzer standen daneben und filmten.

Das Verbrechen war lange Zeit in der polnischen Öffentlichkeit nicht bekannt gewesen. Gross' Buch löste einen wahren Schock bei vielen Polen aus - waren sie doch im Mythos aufgewachsen, ein Volk von heldenhaften Freiheitskämpfern zu sein, das nie mit den Nazis kollaboriert hatte. Ein Volk, das sich selbst romantisch verklärt als "Christus der Nationen" verstand. Wurde dieser Mythos schon einige Jahre zuvor bei den Diskussionen um die Vertreibung der Deutschen nach 1945 angekratzt, so ist er jetzt mit dem Buch und der darauf folgenden monatelangen Debatte vollends in sich zusammengebrochen. (DER STANDARD, Print, 28.5.2001)

STANDARD-Korrespondentin Gabriele Lesser aus Warschau
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