"Gefährlicher Zustand" der deutschen Sterbehilfe-Debatte

27. Mai 2001, 18:26
1 Posting

Ärztekongress diskutierte über Bioethik

Erlangen - Deutschland darf sich nach Auffassung von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) keine Debatte über die aktive Sterbehilfe aufzwingen lassen. "Wir brauchen eine Diskussion über humanes Sterben, über Schmerztherapie und Palliativmedizin", betonte die Ministerin am Sonntag in Erlangen zum Abschluss eines Medizinethik-Kongresses der "Ärzte gegen den Atomkrieg" (IPPNW). Die Gesellschaft müsse entscheiden, was ihr diese Fragen wert seien. Der Präsident der deutschen Bundesärztekammer, Jörg Dietrich Hoppe, äußerte sich besorgt über die Sterbehilfe-Debatte und sprach von einem "gefährlichen Zustand".

Es dürfe nicht sein, dass die Tötungspille "zum Mittel der Wahl bei Sterbenskranken und Lebensmüden wird", sagte Hoppe bei dem Kongress "Medizin und Gewissen". Dadurch gerieten auch diejenigen unter Druck, die bis zum letzten Atemzug leben wollten. "Ethische Werte sind keine Modeerscheinung, sondern ihrem Wesen nach unverbrüchlich", betonte der Ärztekammerpräsident. Ohne die schweigende Zustimmung der Bevölkerung hätten die "Mordtaten" der Euthanasie unter den Nationalsozialisten nicht geschehen können, mahnte Hoppe. "Das darf nie wieder vorkommen."

Absage an PID

Zum Abschluss des viertägigen Kongresses in Erlangen hatten die rund 1.500 Teilnehmer der Präimplantationsdiagnostik (PID) eine klare Absage erteilt. Die Selektion menschlicher Embryonen auf Grund ihrer genetischen Unerwünschtheit sei mit dem ärztlichen Heilauftrag nicht zu verbinden, heißt es in einem Papier, das die Veranstalter am Sonntag vorlegten.

Ärztekammerpräsident Hoppe forderte dagegen lediglich eine rasche gesetzliche Regelung. Die Entscheidung über eine Zulassung der PID müsse der Gesetzgeber treffen, sagte er. Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht es, einen Embryo nach der künstlichen Befruchtung auf genetische Defekte zu testen.

Bei dem von den "Ärzten gegen den Atomkrieg" organisierten Kongress hatten rund 1.300 Teilnehmer - vorwiegend Ärzte und Angehörige der Pflegeberufe - sowie 140 Fachreferenten vier Tage lang über Bioethik diskutiert. Themen waren dabei auch die Veränderungen in Pflege und Gesundheitssystem sowie gesundheitliche Folgen von Armut, Folter und Krieg. Der erste Kongress dieser Art hatte vor fünf Jahren in Nürnberg stattgefunden und sich vorwiegend mit Menschenversuchen während der NS-Zeit befasst. (APA/dpa)

Share if you care.