Revanche für Mitte-links in Italien

28. Mai 2001, 19:38
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Ulivo gewinnt Bürgermeister- Stichwahlen in Rom, Neapel und Turin

Nur zwei Wochen nach dem Wahlsieg des Mitte-rechts-Bündnisses bei den Parlamentswahlen setzte es für Silvio Berlusconi die erste Niederlage. Bei den Stichwahlen um die Bürgermeistersessel in mehr als 70 Großgemeinden konnte das Ulivo-Bündnis einen klaren Sieg verbuchen. In Rom setzte sich der Chef der Linksdemokraten, Walter Veltroni, mit 52,2 Prozent gegen den früheren Berlusconi-Sprecher Antonio Tajani durch. In Neapel gelang Exinnenministerin Rosa Russo Jervolino ein 53:47-Prozent-Sieg über den Forza-Italia-Kandidaten Antonio Martusciello, in Turin siegte der Linksdemokrat Sergio Chiamparino über seinen rechten Herausforderer Roberto Rosso. Dazu gewann die Linke neben Landeshauptstädten wie Rimini oder Belluno auch noch die Wahlen in den beiden Provinzen, in denen gewählt wurde, Mantua und Lucca.

Altkommunist wird Bürgermeister

Gänzlich nach links rutschten mehrere Gemeinden Mittelitaliens: In Gubbio setzte sich gar der Kandidat von Rifondazione Comunista gegen seinen linksdemokratischen Gegner durch. Berlusconis Mitte-rechts-Bündnis konnte sich nur in den beiden Provinzhauptstädten Rovigo und Benevento behaupten.

Silvio Berlusconi hatte sich höchstpersönlich in noch nie da gewesener Art in den Kommunalwahlkampf eingebracht, gerade in Rom und in Neapel hatte das Mitte-rechts-Bündnis, nachdem auch die christdemokratische Gruppierung Democrazia Europea ihre Unterstützung für die Kandidaten Berlusconis angekündigt hatte, mit einem sicheren Wahlsieg gerechnet. Der als künftiger Innenminister gehandelte Berlusconi-Vertraute Claudio Scajola, gab sich auch enttäuscht, die Linke habe aber im Verhältnis zu den vorangegangenen Gemeindewahlen deutlich an Zustimmung verloren, von Wende also keine Spur.

Das Ulivo-Bündnis hingegen feiert den Wahlsieg als klare Trendumkehr. Für Roms neuen Bürgermeister Walter Veltroni ist der Wahlsieg auf die neue Geschlossenheit zurückzuführen; wäre man auch vor der Parlamentswahl geschlossen aufgetreten, dann wäre die Schlappe für das Ulivo-Bündnis ausgeblieben, Mitte-links habe die Mehrheit der Menschen in Italien hinter sich. In der entscheidenden Stichwahl hatten sich Rifondazione Comunista und die Liste von Exstaatsanwalt Antonio Di Pietro hinter die Ulivo-Kandidaten gestellt. Oppositionschef Francesco Rutelli will nun von den Gemeinden aus "Italien zurückerobern".

Die Ulivo-Koalition hatte mit den künftigen Bürgermeistern Veltroni, Russo Jervolino und Chiamparino Politprofis aufgeboten. Alle drei stehen seit Jahren an vorderster Front in der politischen Auseinandersetzung.

Der 55-jährige in Rom geborene Walter Veltroni arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr in der KPI und deren Nachfolgeorgansationen, in den 90er-Jahren leitete er die entscheidende Wende der Exkommunisten hin zu einer sozialdemokratischen Ausrichtung ein. Veltroni bezeichnet sich selbst als "Clintonianer".

Rosa Russo Jervolino, die 65-jährige Anwältin aus Neapel ist die erste Frau, die die Krisenstadt unter dem Vesuv regieren wird. Auch Jervolino stand in den frühen 90er-Jahren im Mittelpunkt des politischen Geschehens. Als ihre Partei, die Democrazia Cristiana, zusammenbrach, führte sie den linken Flügel in den Partito Popolare über. Sechsmal war sie Ministerin, als erste Frau leitete sie das Innenministerium.

Der neue Turiner Bürgermeister Sergio Chiamparino, promovierter Politikwissenschafter, kommt aus der Gewerkschaftsbewegung; der Pragmatiker war der Einzige, der ein Wahlbündnis mit Rifondazione Comunista offen ablehnte, die kommunistischen Wähler der Industriestadt haben ihn offenbar dennoch gewählt. (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 29. 5. 2001)

STANDARD- Korrespondent Andreas Feichter aus Rom

LINK:

Die genauen Ergebnisse von Rom, Turin und Neapel

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