Selbstzensur erspart Ärger

26. Mai 2001, 12:45
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Medien im Libanon sind frei - mit unklaren Einschränkungen

Der Direktor des in Wien ansässigen International Press Institute (IPI), Johann P. Fritz, hat schon Recht, wenn er die libanesische Presse als eine der "freiesten und lebendigsten" in der Region bezeichnet - ein Grund, warum das IPI im Mai in Zusammenarbeit mit der Lebanese American University zu einem Medienseminar in Beirut lud. Aber wir sind eben doch im Nahen Osten, und was an Einschränkungen für eine freie Berichterstattung nicht, wie eben im Libanon, auf Gesetzesebene zu finden ist, findet eben im Kopf statt: Selbstzensur kann einem Journalisten eine Menge Ärger ersparen.

"Nationale Sicherheit" und "religiöser Hass" sind die Schlüsselwörter, das eine darf man nicht gefährden, das andere nicht fördern, wobei, wie Menschenrechtsanwalt George Assaf beim Seminar beklagte, de facto keine Definition für die Umsetzung dieser Beschränkung existieren. Und Abdel Hadi Mahfouz, Präsident des Audio Visual Media Council in Beirut, formulierte den Knackpunkt - die syrischen Interessen im Libanon, die nur mutige Journalisten zur Diskussion stellen - gleich ganz auf libanesische Art, zwischen den Zeilen: "Irgendwie fehlt unserem Land eben die Souveränität."

Die Syrien-Debatte führt - wie gestern berichtet - Gebran Tueni an, Herausgeber von an-Nahar, sein Auftritt erfreute sich größeren Interesses unter den libanesischen Journalisten als die ganze Konferenz zusammen. Die Frage von Seminarteilnehmern, unter welchem Druck er dafür geraten sei, überging er heldenhaft. Am heftigsten reagiert Tueni, wenn man die Zeitungen dafür beschuldigt, den Libanon in den Bürgerkrieg gehetzt zu haben und auch heute wieder den Konfessionalismus anzuheizen.

So formulierte es - ausgerechnet - Nayef Krayem, der Generalintendant des Hisbollah-TV-Senders al-Manar: Es gebe im Libanon keinen Journalisten und kein Medium, die nicht irgendeiner bestimmten Fraktion in der Gesellschaft zuzuordnen sind - und für ihre Loyalität auch belohnt werden, fügten andere hinzu. So wie die wirtschaftliche Komponente - fast alle Medien sind irgendwelchen Firmenimperien zuzuordnen - auch nicht unterschätzt werden darf.

Auch Ministerpräsident Rafik Hariri, überhaupt in manchem an Italiens Silvio Berlusconi erinnernd, ist übrigens Zeitungsbesitzer. Als Mustaqbal im April Hisbollah-Angriffe als "zum falschen Zeitpunkt kommend" kritisierte (wohlgemerkt nicht die Angriffe an sich), bestrafte Syriens Präsident Bashar al-Assad Hariri prompt mit der Absage eines Termins in Damaskus. So und nicht anders funktioniert der Libanon. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. Mai 2001)

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