"Offener Brief" von ORF- Programmintendantin Zechner über "Print-Exzesse"

26. Mai 2001, 12:01
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etat.at bringt den Text im Wortlaut

Ein "offener Brief" von Kathrin Zechner, Programmintendantin des ORF, wurde am Freitag via OTS-Presseaussendung verbreitet. Der Text mit dem Titel "'Das Ekel der Nation' und andere Print-Exzesse der vergangenen Woche" enthält heftige Breitseiten gegen österreichische Printmedien und deren Berichterstattung über "Taxi Orange":

"Ein ehemaliger Strafentlassener baut sich mühevoll eine neue Existenz auf, die Zukunft scheint ihm zunächst eine Chance zu geben. Ein rachsüchtiger Kriminalpolizist stellt ihm nach und lässt so lange nicht von ihm ab, bis ein Rückfall alle Vorsätze zunichte macht. Ein Anwalt kämpft verzweifelt um das Leben des jungen Exhäftlings, aber die Maschinerie aus Vorurteilen ist nicht mehr aufzuhalten. Das Finale von "Taxi Orange 2"? Nein, "Endstation Schafott" lautet das Urteil und der Titel des Films aus dem Jahr 1973 mit Jean Gabin in der Rolle des Anwalts und Alain Delon in der Rolle des jungen Exhäftlings Gino.

Kommen wir von der Fiktion zur Reality: Ein Kandidat der zweiten Staffel von "Taxi Orange", der wegen schwerer Delikte vorbestraft ist, bewarb sich am 20. April dieses Jahres zum zweiten Mal für die ORF-Reality-Soap und wurde vom TV-Publikum spontan als Überraschungskandidat in den Kutscherhof gewählt. Sowohl Kandidat Alex als auch der ORF haben diese Vergangenheit offen thematisiert, in mehreren "Taxi Orange"-Sendungen, auf der Homepage und im Kutscherhof wurde darüber diskutiert. Nach einigen Tagen war dieses Sujet weitgehend erschöpft, die Fans wandten sich ihren Favoriten in der Taxler-WG zu, stimmten für oder gegen Alex, für oder gegen Vicky, Killy oder andere. Einige Printmedien haben in der Zwischenzeit Blut geleckt, das "Sündenregister" des Kandidaten Alex riecht nach mehr. Der "Ex-Dealer" wird zum Freiwild, zu "einmal auf der schiefen Bahn, immer Verbrecher" abgestempelt. Kein rechtsstaatlicher Einwand (die Verbüßung einer Haftstrafe), kein geänderter Lebenswandel (Alex: "Es war ein nicht entschuldbarer Fehler"), keine Bitte (Alex: "Gebt mir eine zweite Chance") und auch keine Realität (die Kutscherhof-Gruppe akzeptiert ihn als einen der ihren) zählt. Niemand kann heute sagen, was Alex aus seiner ersehnten zweiten Chance macht, ob er gewinnt oder ob er scheitert. Aber ihm die Chance aus Geilheit am Verwerflichen, aus der Macht über Meinungen und Schicksale von vorneherein nehmen? O tempore, o mores!

Apropos verwilderte Sitten: Ein im Umgang mit Wiens Society ergrauter Klatschkolumnist konnte angesichts der Vorgänge im Kutscherhof nicht länger zusehen. Neben diversen orangen Phänomenen hatte es ihm die Moderatorin Dodo Roscic angetan: "Diese am untersten Rand der Mittelmäßigkeit inferior moderierende Dame, die nur dann einigermaßen erträglich ist, wenn sie ihre hübschen Beine übereinander schlägt und den Mund hält." War es die Hitze? Oder wurde Michael Jeannée bei seinem Schlag dorthin, wo "sich Prolo Alex vornehmlich zu kratzen pflegt" (KRONE, 21.5. 2001) selbst getroffen? Haben wir es hier mit Fernsehkritik zu tun? Üblicherweise bleibt diese Art von persönlichen Tiefgriffen anonymen und verklemmten Briefschreibern vorbehalten.

In den Unterbauch zielt auch der wöchentlich-bunte Boulevard, aus dem News gemacht werden. Die Schlagzeilen werden immer schriller, und damit die mühsam herbei geschriebenen "juvenilen Emotionen" auch wirklich hochgehen, wird diese Woche "das Ekel der Nation" (NEWS, 23.5. 2001) so richtig vorgeführt. Die ersten Opfer dieser Hetzjagd sind die Eltern des Kandidaten. Die Mutter ist im Krankenstand, sie hebt das Telefon nicht ab, sich traut sich seit zwei Wochen nicht mehr auf die Strasse. Der Stiefvater ist fassungslos über so viel Niedertracht. Die Eltern haben gedacht, das Schlimmste wäre nach elf Jahren überstanden! Alex war tatsächlich kein "pflegeleichter" Jugendlicher, er hat "viel Blödsinn" gemacht. Aber er hat sich von seiner Vergangenheit losgesagt und seit 1994 versucht, ein "normales" Leben zu führen. Dann schaffte er den Einzug in den Kutscherhof. Er will wie die anderen Bewohner der Taxler-WG auch die Sympathie der Fans, und schlussendlich die Million gewinnen. So lauten die Regeln des Spiels, auf das er sich eingelassen hat. Draußen hat in der Zwischenzeit der Revolverjournalismus den Daumen gesenkt. Beinamen wie "Ex-Dealer", "Taxi-Ekel" oder "Ex-Knasti" werden den Lesern so lange um die Ohren gedroschen, dass ihnen Hören und Sehen vergeht und es passiert, was ich selbst erlebt habe: die Abstempelung wird in den Köpfen der Leser zur Wahrheit!

Journalismus als Stimmungsmache scheint leider in Mode zu kommen. Kürzlich vermittelte ein APA-Bericht aus Cannes hier zu Lande den Eindruck, "Die Klavierspielerin" sei in Cannes vorwiegend ausgebuht worden, eine ”Palme bereits außer Reichweite”, nur weil es in einer Pressevorführung auch einige wenige Buhrufe gegeben hat. Dass dieses Genre Film, die hervorragende Romanvorlage, die unverwechselbar konsequente Handschrift Hanekes, die bezwingend fesselnden Schauspieler provozieren und polarisieren, fehlte in der Vorstellungskraft der Berichterstatterin. In diesem Fall nahm die Story ein gutes Ende, Michael Haneke konnte für seinen faszinierenden Film nicht nur eine große internationale Auszeichnung nach Wien mitnehmen, sondern auch die Kraft des schreiberischen Mobbings relativieren. Ist Erfolg die einzige Chance gegen diese journalistische Tendenz? Oder gibt es journalistische Verantwortung in der Kritik?

Ob Alex aus einer Chance etwas machen kann, liegt in seiner Person. Ob er die Million aus dem Kutscherhof mitnehmen wird können, entscheiden seine Fans. Aber soll ein ebenso rache- wie gewinnlüsterner Boulevard tatsächlich darüber entscheiden dürfen, ob jemand mit Vergangenheit in Österreich auch eine Chance auf Zukunft haben darf?"

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