Alles steuert der Blitz

27. Mai 2001, 21:30
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Vor 25 Jahren starb eine der kontroversiell diskutiertesten Figuren des 20. Jahrhunderts: Martin Heidegger

Vor 25 Jahren starb eine der kontroversiell diskutiertesten Figuren des 20. Jahrhunderts, ein Fels der europäischen Geistesgeschichte, der die Intelligenzija immer noch spaltet. Doch eines scheint gewiss, ein Vorbeikommen an Heidegger gibt es nicht. Nicht nur in der phänomenologischen Philosophie, Existenzphilosophie, Hermeneutik, Dekonstruktion und Postmoderne hat er seine Spuren hinterlassen, sondern auch in der Theologie, Psychiatrie bzw. Psychotherapie, und nicht zuletzt in der Kunst bzw. Kunstwissenschaft zeigt sich die Wirkmacht des am 26. September 1989 zwischen Bodensee, Schwäbischer Alb und oberer Donau geborenen Meßkirchner Küfner- und Mesnersohnes. "Der Zauberer aus Meßkirch", so nannten ihn seine Studenten, zu denen so Bedeutende zählten wie Hannah Arendt, Hans-Georg Gadamer, Emmanuel Lévinas, Herbert Marcuse und Max Horkheimer, war, und das halten ihm seine philosophischen Gegner damals wie heute vor, auch im bedenklichsten Zeitgeschehen des vergangenen Jahrhunderts eine zweideutige Figur. Am 1. Mai 1933 trat Heidegger der NSDAP bei und hielt am 27. Mai bei der Übernahme des Rektorats der Universität Freiburg i.B. eine Rede im Blut und Boden-Jargon. Fakultätszwistigkeiten und Differenzen mit Regierungs- und Parteistellen führten 1934 zur Rückgabe des Rektorats. Schon zu Lebzeiten Heideggers wurden heftige Kontroversen geführt, ob seine Philosophie eine Affinität zum Nationalsozialismus habe. Worin Theodor W. Adorno - dessen Negative Dialektik im übrigen sehr ähnliche Schlüsse nahe legt wie Heideggers Seinsphilosophie - eine präfaschistische Sprache entdeckt, sieht der erst vor kurzem verstorbene Emmanuel Lévinas "eines der schönsten Bücher in der Geschichte der Philosophie", gemeint ist Heideggers 1927 erschienenes Hauptwerk Sein und Zeit.

In diesem epochalen Werk geht es dem Mesnersohn um die Wiederentdeckung der bei Platon und Aristoteles erwachten Frage, was wir eigentlich meinen, wenn wir sagen "ist". Die Griechen, für die das Wahre, Gute und Schöne noch eins war, hatten im Vergleich zu uns eine reichere Vorstellung von dem was Sein alles bedeutet. Im Denken der Antike, das für die europäische Geistesgeschichte maßgebend wurde, begann aber in den Augen Heideggers bereits das, was er in seiner Spätphilosophie die "Seinsvergessenheit" des abendländischen Denkens nannte. Offenbar, so Heideggers These, besteht beim Versuch, sich seines eigenen Lebens und dem Lauf der Dinge durchsichtig zu werden, die Tendenz sich vom Blick auf die einfach nur vorhandenen Gegenstände leiten zu lassen. Das heißt, das Selbstsein und das Sein der Welt so auszulegen wie das Sein der Dinge. Sozusagen als statisch vorhandene Ordnungen zu denken, die nach einem allgemeinen Muster funktionieren. Doch das, so Heidegger, ist der Blick des Menschen, der sich hinter dem anonymen "man" versteckt, der nicht entschlossen genug ist, sein eigenes Leben als Wahl von Möglichkeiten zu begreifen. Mit Kierkegaard und Nietzsche gesprochen, der Mensch, der lieber im Publikum seines eigenen Lebens sitzt und es versäumt "Dichter seines Lebens" zu sein. Was hier wie die existenzialistische Doublette von Authentizität bzw. Existenzverschleierung klingt und in einem größeren Zusammenhang gemeint war, erfuhr besonders in den 40iger und 50iger Jahren eine breite Rezeption. Nach Sein und Zeit entfaltete der Freiburger Philosophieprofessor vor allem die geschichtliche Dimension der Seinsfrage. Seinsverstehen ist nicht nur auf die dreidimensionale Zeit bezogen, sondern das Sein hat eine Geschichte. Sein erzählte den Griechen andere Geschichten als z. B. dem mittelalterlichen Menschen oder dem Menschen im Zeitalter der Technik. Sein ist dem in der Welt der Wissenschaft und Technik lebenden Menschen nur noch Rohstoff und Material für die eigenen Machenschaften, und all jene Dimensionen der Wirklichkeit, über die sich nicht verfügen lässt, geraten im Gang der Geschichte in Vergessenheit. So z. B. die Dimension des Göttlichen oder Heiligen. In diesem Abschnitt seines Denkens, greift Heidegger auf die Besinnung und Diagnosen der Dichter zurück. Rilkes Verwandlung und Bergung der Dinge im Herzinnenraum, wie die Stimmung der Abgeschiedenheit, die aus Trakels Dichtung spricht, vor allem aber Hölderlins Nennung der "Flucht der Götter", werden Zeugen für die Richtigkeit des eigenen Denkens. Die kaum mehr zu bewältigende Wirkgeschichte des Küfnersohnes - der von Sartre mit dem Etikett "atheistischer Existenzialist" versehen wurde, von dem Hans-Georg Gadamer sagte: "das Wichtigste aber lernte ich von Heidegger", über den Jacques Derrida schrieb: "keine meiner Untersuchungen wäre ohne den Ansatz der Heideggerschen Fragestellung möglich gewesen", und von dem Michel Foucault bekundete: "meine ganze philosophische Entwicklung war durch meine Lektüre von Heidegger bestimmt" - hat Hannah Arendt sehr schön auf den Punkt gebracht. Arendt: "Der Sturm, der durch das Denken Heideggers zieht - wie der, welcher uns nach Jahrtausenden noch aus dem Werke Platons entgegenweht - stammt nicht aus dem Jahrhundert. Er kommt aus dem Uralten, und was er hinterläßt, ist ein Vollendetes, das wie alles Vollendete, heimfällt zum Uralten."

Heidegger zu erwähnen impliziert nicht nur von einem Teil der neueren Philosophiegeschichte zu sprechen - durch die französische Heideggerrezeption ist auch im deutschen Sprachraum seit den 80iger Jahren ein neues Interesse an ihm erwacht - sondern auch ein unüberschaubares Beziehungsgeflecht mit zur Sprache zu bringen. Da wäre die Liebesgeschichte zwischen ihm und Hannah Arendt, die Freundschaft und der Bruch mit Karl Jaspers, die unglückliche Begegnung mit Paul Celan, ebenso zu erwähnen wie die Freundschaft zum Résistancedichter René Char oder die Begegnung mit dem Psychiater Medard Boss und die für die Psychotherapie wichtig gewordenen Zollikoner Gespräche. Ganz zu schweigen von seinen japanischen Schülern und der Wirkung Heideggers auf die Philosophieschule von Kyoto. Die Beschäftigung mit Heidegger wird noch zu einigen spannenden Neuentdeckungen führen, denn von den 30.000 hinterlassenen Manuskriptseiten ist noch nicht alles eddiert. Doch eines scheint jetzt schon gewiss, es gibt kein Vorbeikommen an Heidegger, an irgendeiner Verzweigung der Geistesgeschichte wird sein Name sicher auftauchen. Das ist ein Ärgernis. Nicht zuletzt für jene, die in ihm nur den Nazi wahrzunehmen vermögen. Schon manch ein Philosoph hat sich im übrigen beim Versuch, politisch aktiv zu werden die Finger verbrannt. Das berühmteste Beispiel ist Plato, der sich in Syrakus politisch einschalten wollte und daraufhin beinahe als Sklave verkauft wurde. "Zurück aus Syrakus?", soll Heidegger nach dem Scheitern des Rektorates von einem Kollegen gefragt worden sein. Ansonsten wird der Widerspruch bleiben, dass man sich von einem Denker wie Heidegger erwartet hätte frühzeitig zu erkennen, wohin der Nationalsozialismus treibt.

Wie seine Philosophie, so wurde auch der reale Ort eine kleine Holzhütte über Totnauberg im Schwarzwald, schon zu Lebzeiten zum Pilgerort für Freunde und Jünger. "In der Mundart spricht je verschieden die Landschaft und d.h. die Erde", vermerkt er in Unterwegs zur Sprache. Vielleicht ist die ländliche Gegend um Totnauberg wo er dachte und schrieb, mit Grund für seine Spracheigentümlichkeit, die manche an ihm so sehr schätzen und andere an ihm verzweifeln lässt. In der kleinen Hütte soll als Türsturz in griechischen Lettern jener Spruch Heraklits gestanden haben, der auch Heideggers Philosophie auf den Punkt bringt: "Alles steuert der Blitz". Einsicht in eine Sache zu gewinnen, ist vergleichbar und im Grunde so jäh und geheimnisvoll wie das Auftauchen des Blitzes. Das hat schon Nietzsche entdeckt, indem er meinte, eigentlich müsste man "Es denkt" statt "Ich denke" sagen, denn die Gedanken kommen, wenn sie wollen. Im Grunde war Heidegger, und das ist die eigentliche Wahrheit über ihn, ein Opfer der Gedanken. Der Vater, so erzählt der Sohn Hermann Heidegger, habe des öfteren zu ihm gesagt: "Es denkt in mir. Ich kann mich nicht dagegen wehren." (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 26./27. 5. 2001)

Von Martin Poltrum

Martin Heidegger, Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges 1910 - 1976, Herausgegeben von Hermann Heidegger, Gesamtausgabe Band 16.

öS 1080,-/ EURO78,49/ 842 Seiten. Klostermann Verlag, Frankfurt/Main 2000.

Madalina Diaconu, Blickumkehr: mit Martin Heidegger zu einer relationalen Ästhetik.

öS 626,-/ EURO45,50/340 Seiten. Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main 2000.(Reihe der Österreichischen Gesellschaft für Phänomenologie, Bd. 4, Herausgegeben von Helmuth Vetter).

Rüdiger Safranski, Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit.

öS 423,-/ EURO30,75/ 537 Seiten. Hanser, München 1995. (Auch erhältlich als Fischer-Taschenbuch).
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