Die "Revision" versank in Blut und Tränen

25. Mai 2001, 21:42
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Der Friedensvertrag von Trianon machte drei der neun Millionen Magyaren zu Bürgern fremder Staaten. Der Wunsch nach Revision trieb Ungarn in die Arme Hitlers.

Nach dem Fall der Räteregierung stellte das von den Rechtsparteien beschickte Parlament die Monarchie wieder her, doch war Ungarn nun ein Königreich ohne König. Am 1. März 1920 ließ sich Miklós Horthy vom Parlament zum Reichsverweser bestellen. Er erhielt weitgehende königliche Befugnisse, was dem Regierungssystem von Anfang an autoritäre Züge verlieh. Die alten Eliten, die dem Eingreifen Frankreichs und der rumänischen Armee ihre Rückkehr an die Schaltstellen des Staates verdankten, mussten sich nun auch dem Friedensdiktat der Siegermächte beugen. Am 4. Juni 1920 wurde der Vertrag von Trianon unterzeichnet. Seine Bestimmungen waren für alle Ungarn, über alle Parteiungen hinweg, ein Schock. Ungarn verlor zwei Drittel seines früheren Territoriums und 60 Prozent seiner Bevölkerung. Die schlimmste Enttäuschung war, dass die Sieger das Selbstbestimmungsrecht ignorierten und auch ethnisch rein magyarische Gebiete, wie die südliche Slowakei und das Grenzgebiet zu Siebenbürgen, den Nachbarn zuteilten. So blieben drei Millionen Magyaren außerhalb der Grenzen von "Rumpf-Ungarn": eine Million in der Tschechoslowakei, 1,7 Millionen in Rumänien und mehr als eine halbe Million in Jugoslawien. Nirgendwo gab es Volksabstimmungen - ausgenommen in der zunächst Österreich mit dem Burgenland zugesprochenen Stadt Ödenburg/Sopron, die nach Freischärlerkämpfen und einem umstrittenen Volksentscheid an Ungarn zurückfiel.

Mit ein Grund für diese Revision war auch der zweimalige Versuch von Exkaiser Karl, den ungarischen Thron für sich zurückzugewinnen. Horthy, einst Flügeladjutant Kaiser Franz Josephs, hatte seine Treue zum Herrscherhaus betont, und die Legitimisten veranlassten den politisch naiven Habsburger, sein Schweizer Exil zu verlassen. Am 27. März 1921 tauchte er in Szombathely/Steinamanger auf und wurde nach Budapest gebracht. Nach einem Vieraugengespräch mit Horthy, der ihn wohl auf die sofort einsetzenden Proteste der Nachbarstaaten aufmerksam machte, kehrte er in die Schweiz zurück. Aber am 20. Oktober 1921 - drei Wochen vor der Abstimmung - landete Karl in einem Flugzeug in Ödenburg, ließ die dort stationierten Truppen der Obersten Anton Lehár (ein Bruder des Komponisten) und Osztenburg auf sich vereidigen und in Richtung Budapest marschieren. Unter dem Druck der Großmächte stellte sich Horthy den Anrückenden entgegen, nach einem kurzen Gefecht bei Budaörs wurde Karl gefangen genommen und den Briten übergeben, die ihn auf die Insel Madeira verbrachten; dort ist er wenige Monate später gestorben. Das Parlament erklärte alle Ansprüche des Hauses Habsburg-Lothringen auf die Stephanskrone für erloschen.

Die herrschenden Kreise in Ungarn, die als Wahrer des Magyarentums gegen die "vaterlandslosen" Kommunisten aufgetreten waren, mussten sich bemühen, den Makel der Unterzeichnung des Vertrags von Trianon loszuwerden. Eine Dolchstoßlegende wurde fabriziert: Die Schuldigen an der harten Behandlung Ungarns durch die Sieger seien der "Verräter" Karolyi, die Räteregierung und die Juden. Schon Horthys erster Ministerpräsident Pál Teleki erließ das erste offen antisemitische Gesetz Europas: einen Numerus clausus von sechs Prozent für die Zulassung von jüdischen Studenten an die Universitäten. Die ungarische Politik der Zwischenkriegszeit war bestimmt von dem Wunsch, eine Revision der Trianon-Grenzen zu erreichen. Frankreich hatte in Südosteuropa einen "Cordon sanitaire" von ihm verbündeten Staaten, neben Polen die "kleine Entente" Tschechoslowakei-Rumänien-Jugoslawien, geschaffen, durch den einerseits die Ausbreitung des Bolschewismus, andererseits ein neues deutsches Vormachtstreben in Schach gehalten werden sollten. Demgegenüber versuchte Italien - mit Nachdruck seit Mussolinis Machtergreifung -, vor allem Ungarn und Österreich an sich zu binden. Der rechtsradikale Gyula Gömbös, dessen Offiziersgeheimbund maßgeblich am "weißen Terror" beteiligt war, fungierte dabei als bevorzugter Verbindungsmann, der auch mithalf, die österreichische Heimwehr aufzupäppeln.

In der langen Regierungszeit von István Beth- len (1921-1931) gelang es zunächst, das restaurative System zu konsolidieren (Bethlen wurde übrigens 1944 von den Russen verschleppt und starb in Moskau). Dann kam der Einbruch der Weltwirtschaftskrise mit deren schweren sozialen Folgen. Horthy folgte dem Ruf nach dem "starken Mann" und bestellte 1931 Gömbös zum Regierungschef. Sein Versuch, ein faschistisches System einzuführen, stieß auf Ablehnung sowohl bei den Konservativen als auch bei der Arbeiterschaft und scheiterte mit seinem überraschenden Tod 1936.

Der "Anschluss" Österreich beschleunigte die Zuwendung Ungarns zu Deutschland, von dem es sich immer stärker die ersehnte Grenzrevision erhoffte. Mit dem Münchner Abkommen, durch das die sudetendeutschen Gebiete dem Dritten Reich einverleibt wurden, begann sich dieser Wunsch zu erfüllen: Der deutsch-italienische erste "Wiener Schiedsspruch" (2. November 1938) zwang die vom Westen aufgegebene CSR, den ethnisch magyarischen Südrand der Slowakei abzutreten. Wenige Monate später, beim völligen Zerschlagen der Rest-Tschechoslowakei, durfte Ungarn auch die Karpato-Ukraine annektieren. Ein zweiter "Wiener Schiedsspruch" (1940) öffnete Ungarn einen Korridor durch das nördliche Siebenbürgen, um die magyarischen Szekler "heimzuholen". Noch glaubte Pál Teleki, zum zweitem Mal Premier, durch eine Politik der "zwei Eisen im Feuer" die guten Kontakte zu England und Ungarns Neutralität aufrechterhalten zu können. Aber 1941 verlangte Hitler den Preis für die Revisionen. Er zwang Horthy zum Bundesgenossen in seinen Krieg - der gescheiterte Teleki beging Selbstmord. Ungarn beteiligte sich an der Zerschlagung Jugoslawiens (und erhielt dafür die Batschka zwischen Donau und Theiß, die Baranya und die slowenische Mur- insel) und musste dann seine Soldaten in den Kampf gegen die Sowjetunion schicken. Um die Revisionsziele zu erreichen, hatte sich Ungarn völlig in die Abhängigkeit von Deutschland hineinmanövriert.

Das ungarische Volk musste für diese Politik teuer zahlen. Die ungarischen Truppen wurden im Russlandkrieg verheizt - allein in der Schlacht am Don im Jänner 1943 kam fast die ganze 300.000 Mann starke 2. Armee um. Die Kapitulation Italiens und die Wende des Krieges im Osten ließen den Reichsverweser an ein Ausscheiden aus dem Bündnis denken. Die Deutschen aber waren hellhörig geworden: Am 19. März 1944 wurde Ungarn von der Wehrmacht besetzt. Zugleich begann die SS ihre Vernichtungsaktion gegen die Juden. Schon seit den späten Dreißigerjahren hatten sie verstärkt unter antisemitischen Gesetzen - so Massenentlassungen von Juden aus dem öffentlichen Dienst - zu leiden gehabt, aber konnten auswandern und waren im Land noch nicht an Leib und Leben gefährdet. Nun begannen unter Mitwirkung der ungarischen Behörden, begleitet von brutalen Raubzügen des Pöbels, die Deportationen. Rund 500.000 Juden aus Ungarn und den annektierten Gebieten und 50.000 Roma wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Am 14. Oktober 1944 versuchte Horthy noch einmal den Absprung, indem er im Radio einen Waffenstillstand verkündete. Er wurde von der SS sofort in "Schutzhaft" genommen und ins Reich gebracht. Nun begann die Schreckensherrschaft des von den deutschen eingesetzten Ferenc Szálasi, des Gründers der ungarischen Nazipartei, der Pfeilkreuzler. Zum Unterschied vom übrigen Land war das Getto in Budapest, wo rund 200.000 Menschen zusammengepfercht waren, noch verschont geblieben; während der Monate der Pfeilkreuzlerherrschaft wurden weitere 50.000 Juden und politische Gegner ermordet.

Als die Sowjets auf Budapest rückten, wurde die Stadt auf Hitlers Befehl "von Haus zu Haus" verteidigt. Erst nach Wochen gingen die Kämpfe zu Ende. Szálasi und sein Stab flüchteten - unter Mitnahme der Stephanskrone - nach Westen. Schon im Dezember 1944 hatte in Debrecen eine Gegenregierung mit den Alliierten einen Waffenstillstand vereinbart, auf alle Revisionsgewinne verzichtet und Deutschland den Krieg erklärt. Aber auch auf deutscher Seite kämpften ungarische Truppen fast bis zuletzt gegen die Russen. Der nationale Traum vom größeren Ungarn ließ das nunmehr wieder auf seine Grenzen von 1920 reduzierte Land verwüstet zurück. (DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 26./27. 5. 2001)

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