Berlusconi weint, Rutelli mahnt

25. Mai 2001, 20:46
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Kampf um jede einzelne Stimme vor der Bürgermeister-Stichwahl in Rom

Die Hymne kann er noch mitsingen. Die Rechte ans Herz gedrückt, steht Italiens künftiger Regierungschef auf der Bühne des römischen Teatro Brancaccio und blickt voll Genugtuung auf begeisterte Anhänger. Dann übermannt ihn die Rührung: Silvio Berlusconi weint.

Bürgermeisterkandidat Antonio Tajani blickt hilflos in die Runde. Durch Gesten ersucht er um Applaus. Die rund tausend Anwesenden erheben sich von ihren Sitzen und klatschen Beifall. Der Cavaliere wischt sich die Tränen aus den Augen. "Ihr habt mich gerührt", schluchzt er. "Man hat mich beleidigt und beschimpft. Aber eure Liebe war stärker als der Hass der Kommunisten."

Zehn Tage nach den Parlamentswahlen sind Silvio Berlusconi und Francesco Rutelli wieder auf Wahlkampftour. Wenn am Sonntag in einer Stichwahl der Bürgermeister der Hauptstadt ermittelt wird, geht es buchstäblich um jede Stimme.

In Borghesiana, einem Mittelstandsviertel am südlichen Stadtrand Roms, kreuzen sich am Abend die Wege der beiden. Der Gegensatz könnte größer nicht sein: Berlusconi preist auf dem Rasen des Parkhotels Borghesiana seinen Gefolgsmann Tajani als "das Beste, was wir Rom anbieten können". Eine Kapelle spielt, ein üppiges Feuerwerk erleuchtet den Himmel über den 2000 Anhängern.

Knapp 300 Meter weiter spricht Rutelli in einer überfüllten Garage zu etwa hundert Personen. "Setzt nicht aufs Spiel, was wir zusammen in dieser Stadt aufgebaut haben", mahnt der bisherige Bürgermeister und empfiehlt Walter Veltroni als Nachfolger. Der Parteichef der Linksdemokraten war unter Romano Prodi Kulturminister und Vizepremier. Er kam im ersten Wahlgang auf 48,5 Prozent.

Hier in Borghesiana wurde der Kandidat des Rechtsbündnisses mit nur 800 Stimmen Vorsprung ins Parlament gewählt. Im Nachbarviertel Torre Angela lagen Links- und Rechtsbündnis um 0,4 Prozentpunkte auseinander. Im Kampf um jede einzelne Stimme hat das Rechtsbündnis eine beispiellose Materialschlacht entfacht. Flugzeuge mit Tajani-Transparenten drehen am Himmel ihre Runden, Plakate überschwemmen die Stadt, vor jedem Supermarkt wird den Kunden Tajani-Werbung in die Hand gedrückt.

Doch der aufwendige Versuch, dem farblosen Berlusconi-Günstling das Profil einer Persönlichkeit zu verpassen, scheitert letztlich am Kandidaten selbst: Dem von Veltroni geforderten Fernsehduell geht Tajani konsequent aus dem Weg. (DER STANDARD, Print, 26./27.5.2001)

STANDARD-Mitarbeiter Gerhard Mumelter aus Rom
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