Im Ohrensessel

29. Mai 2001, 10:25
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Was heißt hier Ungeheuer? Kennen Sie die Leucrota? Nein? Sollten sie aber, besonders wenn sie etwas für Katzen übrig haben und darüber hinaus noch für die Dinge, die nicht zu erklären sind.

"Die Leucrota besitzt einen eleganten, katzenartigen Körper, männliche Tiere eine Mähne in der Halsregion, und einen hundeartig Kopf, ähnlich der Hyäne. Am verblüffendsten ist jedoch das Maul der Kreatur, das bis zu den Ohren zurückreicht und nicht mit Zähnen besetzt ist, sondern mit horizontalen Knochenkämmen."

Auf der Suche nach dem Mythos von Monster, Drachen und Ungeheuer

Diese bizarre Bildung ist einzigartig und hat Zoologen erstaunt ..." Nicht nur Zoologen werden erstaunt sein bei der Lektüre des opulent illustrierten "Großen Buches der Ungeheuer", herausgegeben von der "Kryptozoologischen Gesellschaft" in London - denn die Archive der Kryptozoologen haben einiges zu bieten. "Kryxptozoologie" - das klingt obskur, gibt's aber wirklich. Kryptozoologen beschäftigen sich mit Tieren, von deren Existenz man nur vom Hörensagen weiß. Die Kryptozoologie untersucht, vergleicht, recherchiert und sucht so nach dem "wahren Kern" in den in allen Kulturen verbreiteten Erzählungen über Monster, Drachen, Ungeheuer. Oft sind die Ergebnisse verblüffend: Die Knochen von Höhlenbären wurden für Drachenknochen gehalten, die fossilen Schädel von einst in Griechenland beheimateten Zwergelefanten mit ihrer Rüsselöffnung mussten als Initialzündung für die Sage vom einäugigen Riesen Polyphem herhalten - und der Lindwurm von Klagenfurt verdankt sein Drachenhaupt dem Fund des Kopfes eines eiszeitlichen Wollnashorns. Kryptozoologie gibt es also, aber gibt es auch die Kryptozoologische Gesellschaft?

Britischer Humor

Nun, möglicherweise liegt hier doch ein weiteres Beispiel für den berühmten britischen Humor vor - die Adresse ist jedenfalls mit 100 Piccadilly, London W1 angegeben und mit der Hausnummer kann da was nicht stimmen. Und als Beitrittsgebühr plus erstem Jahresbeitrag werden stolze 1550 Pfund verlangt - man bleibt offensichtlich gern unter sich. Aber selbst wenn die Gesellschaft auch nur ein Phantasma ist, wie die Kreaturen, die sie in ihrer Publikation vorstellt - Letztere kann sich auf jeden Fall sehen lassen. "Über hundert Fabelwesen aus allen Erdteilen" werden versprochen und die begegnen dem Leser in witzigen, immer wieder überraschenden Texten und auch in tausend und einem Bild. Gar seltsame Geschöpfe werden in Fotos, Zeichnungen, Erlebnisberichten und Abhandlungen farbenfroh und detailgetreu präsentiert: das Kelpie zum Beispiel, eine amphibische Kreatur in Schottland und Irland beheimatet, halb Kuh oder Pferd und halb Salamander. Der Simurgh, ein paradiesisch gefärbter Riesenvogel aus dem Nordiran, der nur einmal im Leben ein Junges großzieht und dafür zwanzig Jahre braucht.

Chupacabras, Amemaits und alte Bekannte in neuem Licht

Das in Mittelamerika beheimatete Chupacabras, auch "Ziegensauger" genannt, halb Raubtier, halb Känguru. Oder das Amemait Ägyptens, zu einem Drittel Krokodil, zu den beiden anderen Löwe und Flusspferd, dass sich seine Opfer im Röhricht des Nils greift. Natürlich werden auch "alte Bekannte" vorgestellt - und das in einem neuen Licht. Wer kennt schon den Unterschied zwischen dem gemeinen Drachen, dem zweibeinigen Flugdrachen oder dem französischen Peluda, der ein Fell besitzt und nicht Feuer, sondern Wasser speit. Die ganze Mythologie der Antike wird lebendig, dazu kommen Volkssagen - und auch immer echte Wissenschaft. Erklärt wird zum Beispiel, warum Rieseninsekten oder Riesenspinnen nicht so einfach möglich sind: Nicht nur würde sie das Gewicht ihres Außenskeletts erdrücken, es würde auch die Luft in einem großen Körper einfach zu lange brauchen, um durch diese Röhren zu den Organen zu gelangen. Und auch wenn sich die Kryptozoologische Gesellschaft mit alten Mythen beschäftigt, so ist sie doch hochmodern. Zumindest in der Hinsicht, dass sie keinen Unterschied macht zwischen nicht menschlichen und menschlichen Fabelwesen.

Keine Trennung zwischen Tier und Mensch

Spätestens seit Darwin sollte ja keine Trennungslinie mehr gezogen werden zwischen Mensch und Tier - wir sind nur eine Art unter vielen. Und auch unter den Ungeheuern menschelt es. Von den Halbmenschen sind unter anderen Harpyien, Sirenen, Gorgonen, Sphinx und Minotaurus vertreten - oder auch die Lamassu, geflügelte Stiere mit Menschenköpfen. Bei den Hominiden wimmelt es von Zwergen, Riesen, Kobolden, Orks, Elfen und Vampiren. Auch Leprechaun, irische Heizelmännchen, die am liebsten als Schuster arbeiten, sind vertreten oder die riesigen japanischen Momotaro.

"Wir sind alle menschlich."

Auch hier gibt's "echte" Wissenschaft zum Drüberstreuen: Es wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass bestimmte Erkrankungen Menschen verändern können - in früheren Zeiten mag das durchaus als "Verwandlung" gesehen werden. Und neben all dem skurrilen Witz wird auch zu ganz aktueller Toleranz aufgerufen - den "anderen", Verwachsenen, Zwerg-oder Riesenwüchsigen, schlug immer Ablehnung entgegen. Höchste Zeit sich mit der Kryptozoologischen Gesellschaft zu sagen: "Wir sind alle menschlich." ( Andrea Dee )

Das große Buch der Unge- heuer
Tosa-Verlag
öS 198,-.
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