Elendsgestalten auf Burg-Tauchstation

25. Mai 2001, 21:14
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Mayenburgs "Parasiten" ab Samstag im Vestibül

Wien - Manche Autoren setzen sich von selbst ins Recht. Inmitten einer Theaterlandschaft, in der Regisseure ihren Autorenkollegen den Rang ablaufen, behaupten sie ihre eigenen Figurenwelten. Marius von Mayenburg, der eng mit Regisseuren wie Jan Bosse und Thomas Ostermeier arbeitet, gehört zu ihnen. Er, der 29-jährige Jungautor mit dem edlen alliterarisierenden Namen, ist seit der Münchner Uraufführung seines Pubertätsstücks Feuergesicht eine der Konstanten der breiten deutschen Nachwuchsautorenrige.

Mit dem Drama rund um den Feuer legenden Kurt blickte Mayenburg tief in das bundesrepublikanische Wohlstandsmilieu der Achtziger hinein (Im Wiener Schauspielhaus verkörperte der mittlerweile zu Regieehren gekommene Georg Staudacher den zu rotkopfiger Höchstform auflaufenden Kurt). Selbst ein Kind der Siebziger schrieb Mayenburg damals über jene Jugend, mit der gemeinsam er das Krabbeln lernte. Deutlich allerdings aus der Warte der Neunziger. Denn plötzlich waren junge Schreiber wieder an Geschichten in gut gemachten Formen interessiert, an Geschichten, die zutiefst zeitgenössisch waren.

Folgerichtig, dass Mayenburg sich bald als Dramaturg mit Ostermeiers Berliner Schaubühne verband, der frohgemuten Forschungsstätte für die politischen, oft etwas randständigen Lebensgeschichten. Das 1995 entstandene Stück Haarmann rund um den Massenmörder gleichen Namens leistete hierfür gute Vorarbeit.

Parasiten, Mayenburgs jüngstes Stück, das ab heute, Samstag, Abend, nun auch im Vestibül des Burgtheaters läuft, zeugt ebenfalls davon. In einem Interview gestand der Autor einmal seine Vorliebe für "extreme Zuspitzungen" in seinen Stücken. Parasiten, so könnte man sagen, ist eine einzige Zuspitzung. Das Personal - der Titel sagt bereits alles - ist eine Clique von an den Straßenrändern aufgelesenen Elendsgestalten, Erniedrigte und Beleidigte, die Worte wie stumpfe Nadeln benutzen. "Ich bring' mich um", meint die schwangere Friderike zu ihrem Elendsgefährten Petrik. Seine Antwort: "Bring den Müll vorher runter, es stinkt." Am Burgtheater inszeniert Dieter Boyen
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 5. 2001)

Von
Stephan Hilpolt

Vestibül im Burgtheater,
51 444.
Premiere
20.00
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