Lesen Sie Grillparzer - jetzt!

25. Mai 2001, 20:56
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...fordert ein streitbarer Ekkehart Krippendorff

Empfehlung zur Wiederentdeckung eines angeblichen Reaktionärs und "Staatsdichters": Ekkehart Krippendorff, streitbarer Politologe und Publizist aus Berlin, über eine deutsch-österreichische Freundschaft besonderer Art.


Das "Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften" (IFK) ist eine besonders lobenswerte österreichische Einrichtung. Es lädt Wissenschafter aus dem In- und Ausland für einige Monate nach Wien ein, wo sie, befreit von akademischen Verpflichtungen, forschen und sich auch von ihrer urbanen Umgebung inspirieren lassen können.

Ich hatte das Privileg, so ein "Fellow" (wie das heute anscheinend heißen muss) zu sein, und kam in diese Stadt, um von und über Grillparzer zu lernen - von und über einen Großen der europäischen Geistesgeschichte, der in Deutschland so gut wie unbekannt ist.

Am Abend des 11. Mai war ich bei der Eröffnung der Wiener Festwochen dabei - für einen historisch kurzen und doch zugleich großen Augenblick transformierte dort die Kraft der Musik die vieltausendköpfige Menge in eine Bürgergemeinde, wurde der Rathausplatz zum öffentlichen Raum, wo sich Gesellschaft konstituierte: die Agora der Polis Wien.

Grillparzer, von der die Gefühle aufklärenden Macht der Musik überzeugt, war da auch ein Stück weit präsent - und ein Stück weit verwirklicht erscheint auch seine Vorstellung von politischer Bürgerschaft, für die er ja geschrieben hatte, auf den zahlreichen Bühnen und Schauplätzen, auf denen in diesen Wochen musiziert, ausgestellt und Theater gespielt wird: "Seit man nicht mehr in die Kirche geht, ist das Theater der einzige öffentliche Gottesdienst." Nur seine eigene Stimme fehlt - eine Lücke, die niemand zu bemerken, geschweige denn zu beklagen scheint. Hofmannsthal hatte ihn den "neben Goethe und Kleist politischsten unter den neuern Dichtern deutscher Sprache" genannt - und an Radikalität ist er seitdem kaum übertroffen worden.

Nur wird er nicht gehört - anderswo nicht, aber in Wien auch nicht. In den Buchläden ist er bestenfalls durch Reclamhefte auffindbar. Je mehr und je genauer ich hier Grillparzer lese, umso unverständlicher und unentschuldbarer wird mir die vor allem bei politisch engagierten Intellektuellen durchgängige "wohlwollende Nichtbeachtung" des Werkes dieses Dichters geistig begründeter Aufklärung, den die meisten zum Reaktionär und konservativen "Staatsdichter" abgestempelt haben.


Dabei hatte Grillparzer zum Beispiel längst vor BSE-Skandal, Maul-und Klauenseuche und globaler Klimaerwärmung scharf- und weitsichtig erkannt, dass solches die Konsequenzen erbarmungsloser Naturunterwerfung sind und dass dafür die rationalisierende Staatlichkeit der treibende Motor ist: "Im Walde ... ertönt die Axt, / Der tausendjährigen Eichen Stämme fallen / Zu niedrigem Gebrauch. Der Felsen Innres / Durchwühlt der Eigennutz, und sprengt die Fugen ..."

Libussa ist eine große und großartige Metapher der selbstzerstörerischen modernen Staatsgründung, die heute über die Brüsseler EU eine neue Quantität erreicht - und von diesem Staat wird erwartet, dass er die ökologischen Katastrophen durch Gesetze aufhält, wo er doch selbst deren letztlicher Verursacher ist: dem Etatismus jedweder politischer Couleur sei Grillparzer ins Stammbuch geschrieben.

Libussa thematisiert poetisch verdichtet auch den inneren Zusammenhang zwischen dieser Staatlichkeit, der Naturzerstörung, dem Patriarchat und der kapitalistischen Produktion ständig neuer Bedürfnisse zwecks profitabler Warenzirkulation - wogegen hier der zarte Keim einer anderen Ethik gesetzt wird: "Genügsamkeit ist doch ein großes Gut!"

Kein Drama der Weltliteratur hat diese Verbindungslinien in einer so scheinbar einfachen Fabel miteinander verknüpft, und keine wissenschaftliche Analyse (mit Ausnahme einiger feministischer Ansätze) hat sie überhaupt erkannt - von politischen Protagonisten ganz zu schweigen: Die Bühne wäre, die Bühne ist der öffentliche Ort, wo Politisches in diesem grundsätzlichen Sinne zur Sprache gebracht und verhandelt werden kann.


Indem Grillparzer sich als Nachfahre des griechischen Tragöden Euripides sah, wurde für ihn Wien zur modernen Polis, die Stadtgemeinde als überschaubarer Ort des Politischen: aktive, teilhabende Bürger und Bürgerinnen, ethnische Pluralität, Weltbürgerlichkeit durch Verankerung im Lokalen, Primat der Bildungspolitik vor Profit und außenpolitischen Ambitionen.

Hier ist eine europäische Perspektive der multikulturellen kleinen politischen Einheiten angelegt, man könnte auch von "Kommunitarismus" sprechen - gegen ein Maastricht-Europa der Nivellierungen und bürokratisch-kapitalistischen Zentralisierung.

Der hohe Stellenwert, der im militärpolitisch neutralen Österreich, und in Wien insbesondere, der Kultur eingeräumt wird, ist ungeachtet aller beschädigenden Kommerzialisierung ein unüberschätzbares Gut mit einem enormen aufklärerischen Potenzial.

Es könnte auch ein Widerstandspotenzial gegen ein machtstaatlich militarisiertes Europa sein, das dabei ist, seine geistige Herkunft aus Literatur und Mythologie zu vernachlässigen und zu verdrängen. Die Vernachlässigung und Verdrängung Grillparzers spielt einer solchen "Entseelung" Europas gedankenlos und fatal in die Hände.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 5. 2001)

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