Klavierherr der ruhenden Inseln

25. Mai 2001, 21:03
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Leif Ove Andsnes gastiert im Konzerthaus

Wien - Ruhig und ernst blickt er vom Cover seiner neuen Liszt-CD, prüfend und auch mit einem Anflug von Melancholie - "er ist eine eher introvertierter Mensch", hatte die Presseagentin vor dem Interview vorsorglich angemerkt. Im Gespräch bestätigt sich der Eindruck: Leif Ove Andsnes antwortet bedacht, präzise und mit leiser Stimme. "Ja, ich bin wohl ein richtiger Skandinavier", resümiert der 31-Jährige dann ganz am Ende des Gesprächs und erzählt, dass er sich im Norden Norwegens ein kleines Haus gekauft hat, nah am Wald, und wie er letzten Herbst, als er sich eine mehrmonatige Auszeit vom Konzertbetrieb gegönnt hat, in diesem Wald herumspaziert ist, stundenlang, wieder und wieder.

Gute Momente

"Natur ist einfach etwas Großartiges", meint der gefeierte Klangfabrikant und gerät ein bisschen ins Schwärmen, "ich mag die Einsamkeit dort und auch die Stille." Dass hätte Leif Ove Andsnes nun aber gar nicht zu erzählen brauchen, denn man weiß, wenn er spielt, gelingen ihm die leuchtendsten Momente immer in den leisen, erdenfernen Passagen. Zu Beginn des zweiten Satzes von Brahms' d-Moll-Klavierkonzert etwa (mit Sir Simon Rattle eingespielt) kreiert er klare, solitäre Klang-Ruheinseln, in denen die Zeit stillzustehen scheint.

Die Akkorde perfekt ausbalanciert, sanft fortschreitend, schafft Andsnes ein Diadem kristallener Klangjuwele, die in ihrer Schlichtheit ihresgleichen suchen. Doch nicht nur die lyrischen Stellen in Brahms' gewaltiger Hybride aus Sinfonie und Klavierkonzert beeindrucken Andsnes, sondern auch deren "harsche, direkte Ausbrüche düsterster Gefühlsmomente". Solche wären allerdings auch zuhauf in den eingespielten Liszt-Werken zu finden gewesen, und doch will sich hier die allerletzte Faszination beim Zuhören nicht einstellen. Deutlich zu eng hat Andsnes das Tempokorsett festgezurrt und spult etwa den bekannten Mephisto-Walzer Nr. 1 zwar technisch brillant, jedoch in einem blutarmen, bürokratischen Hysterie-Gestus ab: ohne Diabolik, ohne überbordenden Furor, ohne Glamour.

Es würde ihm sehr leid tun, wenn sein Spiel diesen Eindruck hinterlassen hätte, antwortet Andsnes sympathischerweise auf diese leise Kritik, aber seiner Meinung nach würde bei Liszt viel zu oft nur dessen "animalische, extrovertierte Seite" gezeigt und nie die vielen anderen Facetten seiner Persönlichkeit. Es wäre sein Anliegen gewesen, mit dieser CD eine Art Porträt des Komponisten zu erstellen und auch dem religiösen, dem noblen wie auch dem avantgardistischen Aspekt seiner Musik Gehör zu verschaffen.

Ob er sich vor dem Publikum vielleicht auch einfach wohler fühle als vor den Mikrofonen? Das mit Sicherheit, pflichtet Andsnes bei, er fände es doch immer wieder sehr schwer, sich im Aufnahmestudio ausreichend zu motivieren, er glaube zutiefst an die Konzertsituation, und er "fürchte und liebe die Adrenalinausschüttung beim Betreten des Podiums - die emotionale Intensität eines Liveauftritts".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27. 5. 2001)

Von
Stefan Ender

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