Stadtplatz mit Hang zur Verwilderung

27. Mai 2001, 18:40
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Grün trotzt der Verbauung

Wien - "Betreten verboten! Eltern haften für ihre Kinder" verkünden grellgelbe Warnschilder. Der Blick auf das hinter dem Zaun liegende, ist dennoch erlaubt: auf eine der vielen Wiener Gstett'n - oft unvermutet idyllisch mit Blumen und Büschen, Schmetterlingen und Eidechsen, Bäumen zum Verstecken. Als Stadtplatz nur scheinbar vergessen, bebaut zu werden. Doch bestimmt schon dafür verplant. Denn irgendwann muss jede ein Geschäfts- oder Wohnzentrum auf sich Platz greifen lassen.

"Extra Werbung" für die Stadtwildnis soll mit der eben erschienen neuen - zweiten - Auflage des Gstett'nführers der Wiener Umweltanwaltschaft nicht gemacht werden, erklärt Autor Wilfried Doppler. Denn nicht jede Wildnis ist frei zugänglich. Aber "Kinder finden eh überall hin," meint Doppler vielsagend.

Geschichtsträchtige Plätze

In den letzten Jahren verbaute und der Natur wieder entrissene Grünflächen wurden aus dem Verzeichnis getilgt. An der Liesinger Perfektastraße ist etwa so ein Platz auf dem Kinder "alles dürfen, was man sonst nicht darf" und die "Erwachsenen dabei nicht zuschauen", wie Anna und Peter im Gstett'nführer verraten. Noch zu betreten: die Arsenalgstett'n im dritten Bezirk, die Heuberggstett'n beim Verteilerkreis Favoriten, der Sieveringer Steinbruch oder der Badeteich Süßenbrunn. Auch geschichtsträchtige Plätze, wie das Areal der Wienerberger Ziegelwerke, ein Ausgangspunkt der Arbeiterbewegung, sind heute "a Gstett'n".

Wachstumsgesetze

Wildkräuter, Klatschmohn und Kamille erblühen als erstes auf dem Gstett'nboden. Und dort gelten ohnehin eigene Wachstumsgesetze. Je länger eine besteht, desto höher entwickelt sich ihr Grünzeug. Zwanzig, dreißig Jahre muss eine Gstett'n der Zivilisation widerstehen, ehe Bäume wachsen.

Heiße "Klimakatastrophen" sind in der Gstett'n praktisch unmöglich. Feld, Wald und Wiese speichern Sonnenwärme nämlich weniger als Gebäude und Straßen. Daher ist es im Sommer auf der Gstett'n kühler als in der Stadt - in Wien um bis zu zwei Grad. Ein guter Tipp für das heiße Wochenende.
"Am Anfang war die Gstett'n", zu beziehen über [TEL] 01/37979, S 25,--
(DER STANDARD/Andrea Waldbrunner, Print-Ausgabe, 26. Mai 2001)

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